Header Image - "Neunmeterfünfzehn" - Schiri-Serie

"Neunmeterfünfzehn" - Die BFV-Schiedsrichter-Serie

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. 

Folge 1 mit der 28-jährigen Franziska Haider

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Franziska Haider (28 Jahre), Schiedsrichterin der SpVgg Roth.

Franziska Haider, wie kommt man zu dem für Frauen eher ungewöhnlichen Hobby Fußball-Schiedsrichterin?

Franziska Haider: "Fußball an und für sich hat mich schon immer fasziniert. Bis zu meinem 13. Lebensjahr habe ich selbst gekickt. Als mich im Alter von 17 Jahren dann Freunde - größtenteils Jungs - angesprochen haben, ob ich nicht Interesse hätte, den Schiedsrichterlehrgang zu machen, habe ich spontan zugesagt und den Kurs in Schwandt (Gruppe Jura Nord) absolviert."

Wie viele Spiele leiten Sie denn etwa jährlich?

Haider: "50 bis 60 Spiele dürften es schon sein. Ich bin praktisch jedes Wochenende im Einsatz!"

Wie reagieren Ihre Freunde auf ihre Leidenschaft?

Haider: "Viele davon haben vor über zehn Jahren gemeinsam mit mir den Lehrgang absolviert und demnach die ersten Erfahrungen als Schiedsrichter gesammelt. Für sie ist das Schiedsrichterwesen also nichts Ungewöhnliches. Leider sind aber nur wenige dabei geblieben."

Im Gegensatz zu Ihnen! Wie kommt es, dass Sie einen längeren Atem bewiesen haben?

Haider: "Ich denke, das Entscheidende ist der Spaß an der Sache. Das war bei mir immer der Fall! Was vielleicht auch eine Rolle spielt: Ich war nie allein bei einem Spiel, habe immer Unterstützung erfahren. Anfangs hat mich mein Papa immer begleitet, als ich noch keine 18 Jahre alt war und nicht Auto fahren durfte. Außerdem haben wir ein Patensystem in unserer Gruppe, da hat immer eine Schiedsrichterkamerad zugeguckt und mir Tipps gegeben."

Was macht den Reiz des Schiedsrichterwesens aus?

Haider: "Ich persönlich versuche immer, eine möglichst fehlerfreie Leistung abzuliefern - was erstaunlich schwierig ist. Das treibt mich an! Außerdem reizt mich der Kontakt zu den Menschen. Jeder Spieler, jede Spielerin ist anders vom Charakter. Sich damit auseinanderzusetzen ist eine riesige Herausforderung. Das finde ich spannend. Und natürlich liebe ich den Fußball an und für sich."

Sie leiten Spiele der 1. Frauen-Bundesliga und der Bayernliga der Herren. Worin unterscheiden sich Männer und Frauen auf dem Platz?

Haider: "Männer haben oftmals Hemmungen, sich mir gegenüber zu äußern. Ganz, ganz selten, dass da eine Beleidigung fällt. Dafür neigen sie dazu, auch mal einen Strafstoß zu schinden. Da muss ich mich als Frau erstmal beweisen. Bei den Frauen geht es grundsätzlich etwas ruhiger zu. Die wollen mehr Fußball spielen, agieren weniger theatralisch. Natürlich darf man das Tempo nicht vergessen, das bei den Männern ein ganz anderes ist."

Haben Sie ein Schiedsrichter-Vorbild?

Haider: "Bei den Frauen überstrahlt Bibiana Steinhaus natürlich alles. Sie ist mein großes Vorbild, weil sie das erreicht hat, was bisher noch keiner Schiedsrichterin gelungen ist."

Welche sportlichen Ziele setzen Sie sich?

Haider: "Je nachdem, wie sich meine Leistungen entwickeln, halte ich einen weiteren Sprung nach oben durchaus für möglich. Natürlich muss alles passen, man muss beruflich auch verfügbar sein."

Wie halten Sie sich fit? Wie sieht die Vorbereitung auf die Spiele aus?

Haider: "Schiedsrichter müssen genauso trainieren wie Fußballer auch! In meinem Fall zwei bis drei Mal pro Woche. Unmittelbar nach den Spielen absolviere ich eine Regenerationseinheit. Unter der Woche stehen dann Intervall- und Sprinttraining auf dem Programm. Hinzu kommen Stabilisationsübungen - je nach Bedarf."

Was betrachten Sie rückblickend als Ihr größtes sportliches Ereignis?

Haider: "Der Aufstieg in die 1. Frauen-Bundesliga ist vom Papier her mein größter Erfolg. Was ich aber betonen will: Es kommt nicht immer auf das höchste oder beste Spiel einer Klasse an! Entscheidend ist, mit welchen Kollegen man diese Partien bestreitet und ob man einen schönen Tag verbringt. Das Gesamtpaket muss passen. Und oftmals ist mir dabei das Miteinander im Gespann wichtiger."

Folge 2 mit dem 81-jährigen Herbert Wüst

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Herbert Wüst (81 Jahre), Schiedsrichter des TV Leutershausen.

Wenn Herbert Wüst von den Anfängen seiner Laufbahn als Schiedsrichter zu sprechen beginnt, muss er lange zurückdenken - sehr lange. Denn der mittlerweile 81-Jährige ist seit mehr als 55 Jahren als aktiver Referee im Einsatz. Zum Schiedsrichterwesen kam er eher durch Zufall. Zwei Arbeitskollegen - beide Unparteiische - fragten Wüst, ob er nicht mit zu den Sitzungen der Schiedsrichter-Gruppe kommen wolle. "Den beiden ging es eher um die Mitfahrgelegenheit. Ich war damals schließlich einer der wenigen, die ein Auto besaßen", erzählt Wüst schmunzelnd. Dennoch willigte er ein und fing sofort Feuer. Regelmäßig besuchte er die Sitzungen der Schiedsrichter und 1958 war es dann so weit: Wüst pfiff seine erste Partie und das, obwohl er noch keinen Schiedsrichterpass hatte. "1958 gab es leider keine Schiri-Prüfungen, aber in Abstimmung mit dem Bayerischen Fußball-Verband durfte ich schon Spiele leiten. Den Test habe ich ein Jahr später mit der vollen Punktzahl bestanden", berichtet der Inhaber eines Schreib-und Haushaltswarengeschäfts.

Gerd Müller tanzte nach seiner Pfeife

Stolz schwingt in seiner Stimme mit, als er von seinem rasanten Aufstieg berichtet: Bezirksliga, Landesliga und schließlich sogar Linienrichter in der Oberliga. Im Jahr 1962 assistierte Wüst im damaligen Fußball-Oberhaus bei der Begegnung zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem VfR Mannheim. "Das war schon ein besonderes Gefühl, vor so vielen Zuschauern an der Seitenlinie zu stehen" erzählt er. Auch dem späteren Weltmeister Gerd Müller begegnete Wüst auf dem Fußballplatz. Damals schnürte der "Bomber der Nation" seine Fußballschuhe noch für den TSV 1861 Nördlingen.

Diese Erlebnisse und Eindrücke hat Wüst zum großen Teil auch seiner Frau zu verdanken. "Sie steht voll hinter mir und meiner Schiedsrichtertätigkeit. Oftmals ist sie sogar mit dem Kinderwagen zum Platz gekommen und hat mich begleitet. Heute sagt sie mir immer: Pfeif` du ruhig weiter, das hast du jetzt so lange gemacht und wir kommen immer noch gut miteinander aus", schwärmt Herbert Wüst von seiner Ehefrau.

Auch mit 81 Jahren noch aktiv

Neben einem verständnisvollen Partner rät er dem Schiedsrichternachwuchs auch zu Durchhaltevermögen an der Pfeife. Nirgendwo könne man so schnell in die Profiligen aufsteigen wie als Schiedsrichter. Vor allem die Gespanne seien heutzutage ein klarer Vorteil. "Früher musste ich ja bis zur Bezirksliga ohne Linienrichter auskommen. Das war schon nicht so einfach", betont Wüst.

Doch die sportliche Karriere stand für den Leutershausener nicht allein im Vordergrund. "Natürlich wollte ich einen gewissen Aufstieg, das Wichtigste aber war und ist der gesundheitliche Aspekt. Als Schiedsrichter ist die Verletzungsgefahr nicht allzu groß und ich bin ja quasi gezwungen zu laufen. Ansonsten kann ich die Spielsituationen doch überhaupt nicht beurteilen". Deshalb leitet der 81-Jährige auch heute noch Begegnungen. Erst vor wenigen Wochen hat er die Einteilungen für März bekommen. Altersbedingt pfeift Wüst allerdings nicht mehr im Herrenbereich, sondern bei den D-Junioren. Auf dem Kleinfeld fühle er sich einfach wohler und die Strecken von Linie zu Linie seien auch nicht mehr ganz so weit, sagt der Unparteiische. Nach der Winterpause sei es für ihn zwar immer etwas mühsamer, wieder ans Laufen zu kommen, ans Aufhören denkt Wüst aber noch lange nicht: "Ich fühle mich noch fit und solange ich laufen kann, bin ich dabei!"

Folge 3 mit dem 15-jährigen Lucas Fischer

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken!

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Lucas Fischer (15 Jahre), Schiedsrichter des TSV Lindberg.

Lucas Fischer, mit gerade einmal 15 Jahren pfeifst du schon Spiele aus dem Herrenbereich. Wie kamst du in diesem jungen Alter zum Schiedsrichterwesen?

Lucas Fischer: "Mein Vater ist BFV-Funktionär beim Bezirks-Schiedsrichter-Ausschuss Niederbayern. Über ihn bin ich zu diesem Hobby gekommen und habe mit zwölf Jahren die Schiri-Prüfung absolviert."

Spielst du auch selbst Fußball?

Lucas Fischer: "Ja, ich spiele seit meinem fünften Lebensjahr für den TSV Lindberg im zentralen Mittelfeld. Zusätzlich bin ich noch in der Basketball-Abteilung der SSG Zwiesel aktiv."

Respekt, das hört sich ziemlich zeitintensiv an, zumal du ja noch als Schiedsrichter auf dem Platz stehst. Wie viele Spiele leitest du jährlich?

Lucas Fischer: "Teilweise bin ich zwei bis dreimal pro Wochenende im Einsatz. Im Kalenderjahr 2014 dürften es daher etwa 50 Spiele gewesen sein, bei denen ich als Schiedsrichter oder Assistent dabei war. Zusammen mit meinen eigenen Spielen ist dadurch meistens das ganze Wochenende verplant. An Bewegung sollte es mir jedenfalls nicht mangeln." (lacht)

Wie reagieren deine Freunde auf dein Hobby?

Lucas Fischer: "Ab und zu haken meine Mitspieler nach und stellen regeltechnische Fragen. Da freut es mich natürlich, wenn ich ihnen mit meinem Wissen weiterhelfen kann. Ansonsten hat sich im gegenseitigen Umgang aber nichts verändert."

Was macht für dich den Reiz am Schiedsrichterwesen aus?

Lucas Fischer: "Als Referee muss man zwangsläufig eine Meinung vertreten und für sie einstehen, auch wenn andere dagegen sind. Man steht darüber und sagt im Zweifelsfall auch einfach mal "So ist es!" Meiner Meinung nach trägt das sehr zur eigenen Persönlichkeitsbildung bei. Ein netter Nebenaspekt ist außerdem, dass man als Schiedsrichter sein erstes eigenes Geld verdienen kann."

Bei all der Begeisterung: Wurdest du auch schon mit negativen Aspekten konfrontiert?

Lucas Fischer: "Selbstverständlich können meine Entscheidungen nicht allen 22 Spielern auf dem Rasen gefallen. Allerdings wurde ich bislang noch nicht angegangen, da lief alles fair und friedlich ab."

Welche sportlichen Ziele setzt du dir?

Lucas Fischer: "Derzeit bin ich bei Spielen der Kreis- und A-Klasse im Einsatz. Mein Ziel ist es, höher zu pfeifen als mein Vater, der in der Bezirksoberliga aktiv war. Da es diese nicht mehr gibt, muss ich auf Landesliga-Niveau pfeifen, um ihn zu übertrumpfen. Deshalb werde ich wohl bald aufhören, Fußball zu spielen, um als Unparteiischer richtig anzugreifen."

Was betrachtest du als größtes Ereignis in deiner noch jungen Schiedsrichter-Laufbahn?

Lucas Fischer: "Einmal war ich als Linienrichter bei einem Kreisliga-Entscheidungsspiel im Einsatz. Das Spiel fand in meiner Heimatgemeinde Lindberg vor mehr als 1000 Zuschauern statt. Trotz anfänglicher Nervosität war das ein absolutes Highlight für mich."

Gibt es ein Schiedsrichter-Vorbild für dich?

Lucas Fischer: "Wolfgang Stark war letztens bei uns in der Schiedsrichtergruppe zu Gast und hat einen Vortrag gehalten. Er ist bodenständig, sympathisch, vertritt gute Ansichten und kommt obendrein aus der Region. Da er auf einem sehr hohen Niveau pfeift, ist er mit Sicherheit ein Vorbild für mich."

Könntest du dir vorstellen, ebenfalls Unparteiischer auf dieser Ebene zu sein?

Lucas Fischer: "Natürlich ist es sehr schwierig, so weit zu kommen. Aber wenn ich dran bleibe und mich stets vorbereite, kann ich das schaffen."

Hast du abschließend noch Ratschläge für andere junge Schiedsrichter?

Lucas Fischer: "Mir hat es sehr geholfen, bei höherklassigen Schiedsrichtern als Linienrichter zu assistieren. Auf diese Art und Weise kann man sich viel abschauen und einiges lernen. Das ist vor allem für Referees in meinem Alter eine wichtige Sache."

Folge 4 mit dem 24-jährigen Thomas Ehrnsperger (Foto: links)

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Thomas Ehrnsperger (24 Jahre), Lehrwart der Schiedsrichter-Gruppe Amberg.

"Die haben zwar Lust auf Fußball, können aber keinen Ball über drei Meter geradeaus spielen." Solche Kommentare fallen nicht selten, wenn am Stammtisch über die "Spezies" der Schiedsrichter geredet wird. Selbst wenn es so wäre, wäre es nicht einmal schlimm - solange sie dafür eben gute Schiedsrichter sind. Wie auch immer. Thomas Ehrnsperger kann das egal sein. Auf ihn trifft diese Stammtischparole ohnehin nicht zu. Er hat sich mit 18 Jahren entscheiden müssen: Nach dem unverhofften Aufstieg weiterhin als Spieler in der Bezirksoberliga und damit im durchaus ambitionierteren Amateurfußball aktiv sein oder als Schiedsrichter in eben dieser Liga Spiele pfeifen? Beides ging verständlicherweise nicht. Der heute 24-Jährige entschied sich für die Schiedsrichterei, die er im Gegensatz zum Fußball spielen erst wenige Jahre zuvor für sich entdeckt hat. Und zwar so ganz unemotional, so ganz ohne große Liebe und Schwärmerei für das Amt des Unparteiischen.

Ehrnsperger muss immer ein wenig schmunzeln, wenn er über seinen "Erstkontakt" redet. "Ich war 15 und ein Freund bei mir aus dem Ort war bereits Schiedsrichter. Er hat mir erzählt, dass er mit seinen Einsätzen sein Taschengeld ganz gut aufbessert. Ich habe zu der Zeit Zeitungen ausgetragen. Das war ok, aber das andere klang da schon verlockender. Also habe ich den Neulingskurs gemacht, die Prüfung abgelegt und war auf einmal Schiedsrichter hier in Amberg."

"Ich war ein sehr schwieriger Spieler"

Eine gute Entscheidung - nicht nur für Thomas Ehrnsperger selbst, sondern auch für alle anderen Schiedsrichter der Region. "Ich muss gestehen, dass ich für die Schiedsrichter immer ein sehr schwieriger Spieler war. Plötzlich selbst auf dem Platz zu stehen und auch entsprechend kritisiert zu werden, hat die Sicht dann doch verändert. Ich habe gemerkt, wie hoch die Erwartungshaltung an einen Schiedsrichter ist und wie schwer es ist, dieser Erwartungshaltung und auch den eigenen Erwartungen gerecht zu werden", erzählt der ausgebildete Banker, der aktuell mittels BWL-Fernstudium beruflich den nächsten Schritt anstrebt.

Der junge Thomas Ehrnsperger hat sich damals dank guter Leistungen als Schiri schnell gemacht und kommt auch heute noch als Assistent in der Regionalliga Bayern zum Einsatz. Während andere vordergründig von Bundesliga, Champions League und WM träumen, liegt bei dem 24-Jährigen der Schwerpunkt mittlerweile aber auch darauf, den Nachwuchs zu fördern. Nach diversen anderen Ämtern innerhalb der Schiedsrichtergruppe Amberg ist Ehrnsperger nun Gruppen-Lehrwart. Und das hat mit dem Leiten eines Spiels auf dem Platz meist wenig gemein. Es gilt, die Neulingskurse vorzubereiten, Regeltests zu bearbeiten und die Nachwuchstalente gut vorbereitet in die Förderlehrgänge zu schicken. Natürlich macht es Spaß. Wäre angesichts der Zeit, die das Hobby frisst, auch schlimm, wenn nicht. "90 Prozent der Freizeit gehen für die Schiedsrichterei drauf. Aber das Gute ist ja, dass fast alle Freunde auch Schiedsrichter sind. Da lässt sich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Das ist eine tolle Gemeinschaft."

Und gut, wenn dann auch noch die Freundin fußballverrückt ist. Ehrnsperger lacht. "Meine Freundin hat sowas von kein Interesse an Fußball. Aber sie unterstützt mich trotzdem zu 100 Prozent! Wir kennen uns jetzt acht Jahre. Von daher weiß sie, was alles an der Schiedsrichterei dranhängt und vielleicht ist es auch ganz gut, dass der Fußball bei ihr nicht auch diesen Stellenwert hat. Ihre Unterstützung und die der Familie ist für mich auch wahnsinnig wichtig. Es ist ja nicht immer alles super. Rückschläge gehören auch dazu, wenn man zum Beispiel als Schiedsrichter absteigt, wenn es eben nicht immer bergauf geht. Und die Belastung ist natürlich auch nicht ohne."

Freitag: Regionalliga, Samstag: Jugend, Sonntag: Coaching

Die Zeiten, in denen der Amberger auch mal zwei Spiele an einem Tag geleitet hat, sind mittlerweile zwar vorbei, die Wochenenden stehen aber weiterhin ganz im Zeichen des Fußballs - ganz abgesehen vom nötigen Lauf- und Fitnesstraining unter der Woche. Dazu die freiwilligen Regeltests. "Einmal pro Woche mache ich schon noch meinen eigenen Regeltest. Nicht, dass immer was Neues dazukommt, aber die Regeln sind logischerweise das A und O. Das muss sitzen. Als Lehrwart beschäftige ich mich natürlich ohnehin regelmäßig damit. Das macht es einfacher, aber die Kunst ist ohnehin, die Konzentration für die einzelnen Aufgaben immer hochzuhalten", erklärt er. Insbesondere, wenn mal wieder in kürzester Zeit unterschiedliche Aufgaben anstehen. Freitags in der Regionalliga an der Seitenlinie assistieren, samstags dann ein Jugendspiel leiten und am Sonntag die Begleitung und das Coaching eines Jung-Schiedsrichters. Langweilig wird es eher selten! Kein Wunder, dass der eine oder andere im Freundes- und Bekanntenkreis auch mal denn Kopf schüttelt, wenn sich Thomas wieder verabschiedet, weil er wieder als Schiedsrichter gefragt ist. Für den Amberger gehört das aber einfach dazu und nicht zuletzt in seiner Schiedsrichtergruppe sind sie froh, dass sie einen wie ihn haben.

Der 24-Jährige würde sich vor allem über noch mehr begeisterte Nachwuchs-Schiris in seiner Schiedsrichtergruppe freuen. Im Herbst (September oder Oktober) gibt es wieder die Möglichkeit, einen Neulingskurs in der Amberger Schiedsrichtergruppe zu absolvieren. Aber natürlich gibt es auch jederzeit die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen und sich zu informieren. Und im Sommer, vor dem Saisonstart, bietet Thomas Ehrnsperger sicherlich auch wieder interessierten Vereinen an, dass er vorbeikommt und eine kleine Regelkunde macht. Das Angebot gibt's schon länger, nur das Interesse der Vereine sei noch ausbaufähig.

Folge 5 mit dem 25-jährigen Benjamin Brand

klicken zum Vergrößern
Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Benjamin Brand (25 Jahre), DFB-Schiedsrichter des FC Schallfeld.

Benjamin Brand, viele Ihrer Schiedsrichter-Kollegen legen das Hauptaugenmerk auf den Referee, wenn sie sich Fußballspiele im Fernsehen anschauen. Wie ist das bei Ihnen?

Benjamin Brand: Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht besonders auf den Schiedsrichter achte. Man sitzt immer vor dem Fernseher und überlegt: Wie geht der Schiedsrichter an die Partie heran? Wie ist die Perspektive des Schiedsrichters in dieser Situation? Ich versuche mich dann schon immer in den Kollegen hineinzuversetzen - das liegt einfach in der Natur der Sache wenn man Schiedsrichter ist. Aber keine Sorge, ich setzte mich trotzdem gerne mit meiner Freundin oder Familie entspannt vor den Fernseher und genieße das Spiel.

Sie sind 2010 im Alter von 20 Jahren DFB-Schiedsrichter geworden und haben fünf Jahre später bereits Einsätze als Linienrichter in der Fußball-Bundesliga - das klingt nach einer Bilderbuchkarriere. Wie kamen Sie zum Pfeifen?

Brand: Das wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Ich komme aus einer Schiedsrichter-Familie und als ich mit 14 meine Prüfung gemacht habe, waren mein Vater, mein Bruder und meine Schwester bereits als Schiedsrichter aktiv. Am Wochenende ging es deshalb meist nur um ein Thema und so habe ich schnell gemerkt, dass auch mein Fokus auf der Schiedsrichterei liegt. Ich habe zwar selbst zehn Jahre Fußball gespielt, aber recht schnell gemerkt, dass mir das Pfeifen einfach mehr liegt.

In nur sechs Jahren von der Schiedsrichter-Prüfung zu Einsätzen auf DFB-Ebene. Wie wurden Sie weiter gefördert?

Brand: Man muss wissen, dass ich mit 14 nicht bei null angefangen habe. Durch meine Familie habe ich schon früh sehr viel mitbekommen. Bei den Spielen, die mein Vater leitete, war ich oft dabei oder ich bin mit auf Schiedsrichter-Versammlungen gegangen. Dadurch hab ich schon viel lernen können. Aber besonders wichtig war für mich die Betreuung bei meinen ersten Spielen - sei es durch meinen Vater, aber auch durch die Führung der Schiedsrichtergruppe Gerolzhofen [Unterfranken]. Sie haben mir wichtige Tipps gegeben und viel mit mir gearbeitet. Dass es dann doch so schnell nach oben ging, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass ich schon damals sehr, sehr ehrgeizig war - speziell was Training und Spielanalyse anging.

Sie haben erwähnt, dass die Betreuung während der ersten Spiele als Jung-Schiedsrichter immens wichtig war. Warum?

Brand: Ich wurde nie alleingelassen. Wenn es Probleme bei der Spielleitung gab, haben die Kollegen mir immer Hilfestellungen gegeben. Nur so kannst du am Anfang vorwärts kommen. Es gab zu Beginn auch Partien, bei denen meine Entscheidungen nicht immer ganz glücklich waren, umso hilfreicher waren die Tipps, die ich nach dem Spiel bekommen habe. Und die Leute, die mich damals betreut haben, freuen sich jetzt über meine Erfolge in den letzten Jahren.

Ein Blick auf Ihre Laufbahn als Profi-Schiedsrichter. Was war bisher das Highlight in Ihrer Karriere?

Brand: Ich erinnere mich besonders gerne an das Bundesliga-Spiel zwischen Borussia Dortmund und der TSG 1899 Hoffenheim zurück. Es war der letzte Spieltag in der Saison 2012/13 und ich war als Schiedsrichter-Assistent im Einsatz. In der Nachspielzeit mussten wir als Gespann eine Abseitssituation der Dortmunder lösen. In Absprache mit Schiri Jochen Drees haben wir dann die richtige Entscheidung getroffen und die Hoffenheimer konnten sich durch den 2:1-Sieg in die Relegation retten. Das Ganze war insofern ein Highlight, weil wir Schiedsrichter normalerweise nach einer guten Spielleitung vielleicht mal einen Tag an die Partie zurückdenken können, dann richtet sich der Blick aber auch schon nach vorne und niemand interessiert, was am Wochenende davor war. Die Partie in Dortmund fand allerdings am 34. Spieltag statt, sodass ich das positive Gefühl mit in die Sommerpause nehmen konnte.

Das Bundesligaspiel fand im Dortmunder Signal-Iduna-Park, dem größten Stadion Deutschlands, statt. Die Zuschauer sitzen nur wenige Meter von Ihnen als Linienrichter entfernt. Bekommen Sie von der Kulisse etwas mit oder blenden Sie alles rundherum völlig aus?

Brand: Die Frage wurde mir speziell zum Spiel in Dortmund schon sehr häufig gestellt und keiner konnte meine Antwort so richtig nachvollziehen. Aber es ist tatsächlich so, dass ich in besagter Szene in der Nachspielzeit alles andere voll und ganz ausgeblendet habe. Die Konzentration galt nur der Situation und ich habe versucht, sie vor dem geistigen Auge nochmal durchlaufen zu lassen. Oberstes Ziel war es, das schnelle Gespräch mit dem Hauptschiedsrichter Jochen Drees zu suchen und die Szene richtig aufzulösen.

Gibt es ein Vorbild? Oder hatten Sie in Ihrer Jugend ein Idol?

Brand: Ein konkretes Vorbild gab es eigentlich nie. Ich habe aber schon immer alle Schiedsrichter verfolgt und mir natürlich den einen oder anderen Kniff abgeschaut. Aber jeder hat so seinen eigenen Stil. Jeder ist anders, jeder wirkt anders auf dem Platz. Der eine gefällt einem von seinem persönlichen Empfinden aber natürlich mehr, der andere vielleicht weniger.

Was macht einen guten Schiedsrichter aus?

Brand: Ein guter Schiedsrichter muss wissen, wann er einzugreifen hat. Dabei ist aber ganz wichtig, dass man sich nicht so in den Vordergrund drängt. Also immer versuchen, das Spiel so lange wie möglich zu begleiten, den Punkt X zu erkennen, an dem man einschreiten muss und dann konsequent zu handeln. Alle Spieler haben ein sehr, sehr gutes Gespür für Zweikampfbeurteilungen oder andere Situationen auf dem Spielfeld und erkennen sofort, wenn der Schiedsrichter in diesem Moment da ist.

Gibt es Eigenschaften, die Sie vom Sport auf das alltägliche Leben übertragen können?

Brand: Sowohl als Schiedsrichter als auch im Berufsleben sind eine akribisches Vorbereitung und die Konzentration auf wichtige Aspekte ganz entscheidend. Wichtig ist aber auch, Verantwortung zu übernehmen und mögliche Szenarien bereits im Vorfeld durchzuspielen. In meinem BWL-Studium denke ich da zum Beispiel an verschiedene Techniken der Unternehmensführung, auch dort werden diverse Möglichkeiten durchdacht. Dasselbe machen wir als Schiedsrichter-Gespann in unserer Besprechung vor der Partie.

Sie haben vor kurzem Ihre Abschlussarbeit abgegeben und stehen jetzt kurz vor dem Abschluss Ihres BWL-Studiums. Wurden Sie des Öfteren von Kommilitonen auf Ihr Hobby angesprochen?

Brand: Ab und an kam es an der Uni schon vor, dass mich der eine oder andere Kommilitone mal ansprach oder mich länger angeschaut und überlegt hat, woher er mich kennt. Aber im Großen und Ganzen war es doch recht anonym. Aus meinem näheren Umkreis sind es vielleicht zehn Leute, die konkret von meiner Schiedsrichterei wissen.

Was sind Ihre Ziele für die kommenden Jahre?

Brand: Ich bin jetzt seit 2010 auf der DFB-Liste, pfeife seit 2012 auch 2. Bundesliga und assistierte im Fußball-Oberhaus. Da ist es sicherlich mein berechtigtes Ziel, in den nächsten zwei, drei Jahren auch ein Bundesligaspiel zu pfeifen. Darauf arbeite ich hin!

Wenn Sie junge Menschen davon überzeugen wollen, auch Schiedsrichter zu werden - welche Argumente haben Sie für den potenziellen Nachwuchs?

Brand: Das Schiedsrichtersein ist in meinen Augen eine Schule für die Persönlichkeit. Ich habe bei uns in der Schiedsrichtergruppe viel mit jungen Schiris zusammengearbeitet und den Nachwuchs jahrelang ausgebildet. Es ist spannend zu sehen, wie schnell die Persönlichkeit reift und der Erfahrungsschatz wächst. Als Schiedsrichter bist du jedes Wochenende auf einem anderen Platz, hast mit den unterschiedlichsten Fußballspielern zu tun und wirst mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Das macht den großen Reiz für mich aus. Ich werde zwar immer von vielen gefragt, ob mir nicht der Teamgedanke einer Fußballmannschaft fehlt. Aber genau dieses Gemeinschaftsgefühl gibt es in der Schiedsrichtergruppe auch - zum Beispiel wenn wir als Schiedsrichtergespann zu Dritt zu den Spielen fahren. Wer dem Fußball verbunden ist, sollte es auf jeden Fall einmal ausprobieren, um auch die andere Perspektive kennen zu lernen.

 

Folge 6 mit der 25-jährigen Angelika Söder

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken!

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Angelika Söder (25 Jahre), FIFA-Schiedsrichterin des TSV Ochenbruck.

Im November wurden Sie in die FIFA-Liste 2015 aufgenommen - eine große Anerkennung für Ihre gezeigten Leistungen. Wie war Ihre Reaktion? Geht damit ein Traum in Erfüllung?

Angelika Söder: Natürlich habe ich mich riesig darüber gefreut. Klar liebäugelst du manchmal damit, aber wenn es dann wirklich klappt, ist es trotzdem überraschend. Wenn du mit dem Schiedsrichtersein anfängst, denkst du am Anfang nicht daran, irgendwann einmal FIFA-Schiedsrichterin zu werden - das ist zu dem Zeitpunkt noch so weit weg. Mit jeder Liga, die ich aufgestiegen bin, kam ich dem Ganzen aber ein Stückchen näher und im Laufe der Zeit wurde aus dem Traum ein Ziel, das jetzt in Erfüllung gegangen ist.

Sie haben Ihre Ziele gerade angesprochen. Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Söder: Erst einmal möchte ich mich international etablieren. Da gibt es viele neue Sachen, die ich auf dieser Ebene erst noch lernen muss. Mit der Frauen-Bundesliga habe ich national das Maximum erreicht, als FIFA-Schiedsrichterin bin ich jetzt wieder ein Neuling. Wichtig ist, dass die ersten internationalen Spiele gut verlaufen.

Haben Sie ein Vorbild an dem Sie sich orientieren?

Söder: Ich denke, für jede Schiedsrichterin zählt Bibiana Steinhaus zu den Vorbildern, weil sie als Frau im Schiedsrichterwesen einfach am meisten erreicht hat. Speziell habe ich aber jetzt kein Idol. Natürlich gefällt mir bei einem Unparteiischen die Art und Weise, wie er ein Spiel leitet, bei dem nächsten sprechen mich dann wieder andere Dinge an. Ich versuche dann schon die einen oder anderen Dinge für mich zu übernehmen, aber es ist auch wichtig seine eigene Linie zu verfolgen.

In einem Zeitungsinterview haben Sie gesagt, wenn Sie ein Fußballspiel im Fernsehen anschauen, liegt Ihr Hauptaugenmerk überwiegend auf dem Schiedsrichter. Können Sie das Spiel dann auch genießen?

Söder: (lacht) Es ist nicht so, dass ich das Spiel dann nicht entspannt anschauen kann. Aber es passiert immer automatisch, dass der Fokus auf den Schiedsrichter fällt. Ich glaube, das könnte ich auch nicht einfach so abstellen. Dadurch, dass ich jetzt schon so lange als Schiedsrichterin aktiv bin und mich auch weiterentwickeln will, schaue ich genau zu, was die Kollegen im Fernsehen machen.

Sie pfeifen Männer- und Frauenpartien. Gibt es Unterscheide im Umgang mit Ihnen als Schiedsrichterin?

Söder: Im Männerfußball ist man natürlich als weibliche Schiedsrichterin eine Exotin. Aber je höher die Spielklasse ist, umso mehr wird man als Autoritätsperson respektiert. Den Männern ist dann durchaus bewusst, dass wir als Schiedsrichterinnen schon etwas erreicht haben, sonst würden wir ja nicht auf diesem Niveau pfeifen. Sie merken doch recht schnell, dass wir Frauen auch im Stande sind, die gleiche Leistung wie unsere männlichen Kollegen abzuliefern.

Sie waren u.a. als Schiedsrichter-Assistentin beim DFB-Pokalfinale der Frauen im Einsatz. Wie war es, vor über 14.000 Zuschauern im RheinEnergie-Stadion in Köln an der Seitenlinie zu stehen?

Söder: Das war auf jeden Fall ein unglaubliches Erlebnis für mich - vor allem kommen bei uns im Frauenfußball normalerweise nicht so viele Zuschauer und die Stadien sind um einiges kleiner. Auch die Medienpräsenz beim Pokalfinale der Frauen ist die größte, die ein Frauenfußballspiel während der Saison haben kann.

Was gab es noch für Highlights in Ihrer bisherigen Karriere an die Sie sich gerne zurückerinnern?

Söder: Schwierig (lacht). Ich kann mich zum Beispiel noch gut an mein erstes Länderspiel als Schiedsrichterassistentin in Hoffenheim erinnern: Ein Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Holland vor über 20.000 Zuschauern. Damals war es noch so, dass deutsche Schiedsrichterinnen bei Testspielen der eigenen Nationalelf im Einsatz waren. Für mich bleibt das Spiel besonders in Erinnerung, weil ich das erste Mal als Teil eines Schiedsrichterteams vor einer derartigen Kulisse mit Fernsehübertragung usw. dabei war.

Wenn Sie junge Menschen davon überzeugen wollen auch Schiedsrichter zu werden - welche Argumente haben Sie für den potenziellen Nachwuchs?

Söder: Das Schiedsrichtersein ist in meinen Augen eine Schule fürs Leben, da sich die Persönlichkeit dadurch enorm weiterentwickelt. Viele Situationen, die auf dem Fußballplatz passieren, lassen sich auf das reale Leben in der Schule oder im Beruf übertragen: Wie geht man zum Beispiel mit Konflikten um oder wie präsentiert man sich seinen Kollegen gegenüber? Für Schüler oder Studierende ist die Schiedsrichter-Tätigkeit auch ein guter Nebenjob, um sich den einen oder anderen Euro dazu zu verdienen. Und nicht zu vergessen: Man macht etwas für die Gesundheit, wenn man 90 Minuten an der frischen Luft ist.

Folge 7 mit Schiedsrichter-Familie König

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Diesmal im Fokus: Julia (20 Jahre) König und ihr Vater Johann (67 Jahre) , beide Schiedsrichter des FC Thalmassing.

Egal, ob Taufe, erster Schultag oder die Hochzeit - wenn beim Nachwuchs eine neue Ära beginnt, sind Mama und Papa oft stolzer als die Kinder selbst. Bei Johann König (Referee, Einteiler und EDV-Beauftragter der Schiedsrichtergruppe Regensburg) zählt zu den großen Momenten im Leben eines Vaters auch der erste Pfiff der Tochter. "Ich bin stolz darauf, dass Julia die Herausforderung Fußball-Schiedsrichterin angenommen und sich letztendlich durchgesetzt hat. Im Bezirk Oberpfalz ist sie inzwischen sogar im Frauen- und Mädchenausschuss engagiert. Da fehlt sich nix bei ihr", erzählt der 67-Jährige.

Sechs Kinder zählt die Familie König - und alle sechs wurden mit dem Fußball-Virus infiziert. "Meine drei Jungs und meine drei Töchter haben alle Fußball gespielt. Umso mehr gefreut habe ich mich dann, als Stephan und Julia auch noch Gefallen am Schiedsrichterwesen gefunden haben", blickt König zurück. Während Sohn Stephan (25) berufsbedingt vorübergehend pausiert, hat Julia bereits sechs Jahre als Schiedsrichterin auf dem Buckel. Die Lehramts-Studentin zieht es nach dem Büffeln am Schreibtisch weiterhin an den Sportplatz, wo sie dafür sorgt, dass Frauen wie Männer fair miteinander umgehen und die Regeln einhalten. "Am Wochenende habe ich häufig zwei Spiele zu leiten. Dennoch nehme ich mir auch Zeit für andere Hobbys. Das ist alles eine Frage der Koordination", meint sie.

Julia König - ein Phänomen im Männersport Fußball

An Antrieb mangelt es Julia König ohnehin nicht. "Bis 2009 durfte ich mit den Jungs Fußball spielen. Als das dann nicht mehr möglich war und mir die Partien bei den Damen nicht ausreichten, habe ich mir gesagt: Du musst was anderes finden", sagt sie über ihren Start als Unparteiische. Den Papa hatte sie zu diesem Zeitpunkt schon regelmäßig zu seinen Spielen begleitet. Und der hat seine Sache offenbar so gut gemacht, dass die Tochter das Schiedsrichterwesen für sich entdeckte. "Ich konnte es kaum glauben, als Julia auf mich zukam und sagte, sie möchte Schiedsrichterin werden. Sie wollte das unbedingt", erinnert sich der ehemalige Jugendtrainer des FC Thalmassing. "Wir haben sofort kurzen Prozess gemacht und sie zum Neulingskurs angemeldet. Mit ihren 14 Jahren, noch dazu als Mädchen, war sie in unserer Schiedsrichtergruppe eine echte Sensation."

In die Schlagzeilen geschafft hat es Familie König spätestens zwei Jahre später. Bei der Kreisligapartie zwischen dem FC Beratzhausen und dem FSV Prüfening prangte im Jahre 2011 deren Nachname gleich drei Mal auf dem Spielberichtsbogen. Denn Schiedsrichterin Julia wurde damals von ihrem Vater Johann und ihrem Bruder Stephan an den Seitenlinien unterstützt. "Es ist ein komisches Gefühl, wenn die Tochter pfeift und du musst von der Linie aus auf ihre Kommandos achten", gesteht Schiedsrichter-Einteiler König. "Dennoch galt: Sie ist die Chefin, wir helfen ihr. Das Private spielt da eine untergeordnete Rolle."

Trotz der gelungenen Premiere sollte es eine einmalige Sache bleiben. Papa Johann hat inzwischen mit dem Assistieren gebrochen und beschränkt sich auf Spielleitungen in unteren Ligen sowie bei den Frauen: "Mit meinen 67 Jahren zähle ich nicht mehr zu den Schnellsten. Ich pfeife lieber selbst, denn dabei muss ich weniger Geschwindigkeit entwickeln", berichtet der stolze Familienvater.

 

Folge 8 mit dem 54-jährigen Klaus Stülpner (Foto: hinten, 3.v.r.)

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken!

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Klaus Stülpner (54 Jahre), der den Weg zum Pfeifen erst nach seiner aktiven Fußballer-Laufbahn fand.

"Für mich steht die Freude am Fußball im Mittelpunkt", so Klaus Stülpner. Bis vor eineinhalb Jahren stand der heute 54-Jährige noch selbst als Fußballer für den A-Klassisten FA.D.TTC Birkland auf dem Platz. Eine Muskelverletzung ließ in ihm jedoch den Entschluss reifen, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen - zumindest als aktiver Spieler. Ganz ohne das runde Leder ging es für den Schongauer aber dann doch nicht weiter. Er stand vor der Wahl: Trainer oder Schiedsrichter? "Mein Entschluss war schnell gefallen. Ich wollte Schiedsrichter werden!"

"Die Situation war überhaupt nicht ungewohnt"

Im März 2014 nahm Klaus Stülpner am Neulingskurs der Schiedsrichter-Gruppe Schongau teil. Der Altersunterschied zu den anderen Kursteilnehmern - überwiegend Jugendliche - stellte kein Problem für ihn dar. "Die Situation war überhaupt nicht ungewohnt. Als Fußballer habe ich auch mit 19-jährigen Burschen zusammengespielt, die gerade erst aus der A-Jugend rausgekommen sind." Das Alter ist in seinen Augen zweitrangig. Durch die Jahrzehnte, in denen er als Spieler auf dem Platz stand, sammelte er die unterschiedlichsten Erfahrungen, die ihm jetzt an der Pfeife weiterhelfen. Nur wenn es um das Thema Fitness geht, kann der 54-Jährige nicht mehr mit dem jugendlichen Nachwuchs mithalten. "Natürlich fehlt mir das wöchentliche Fußballtraining von früher. Aber ich versuche regelmäßig joggen zu gehen. Vielleicht denken einige Spieler ich bin ein ,Mittelkreis-Schiri', der sich kaum bewegt, aber diejenigen habe ich schnell vom Gegenteil überzeugt", berichtet der Schongauer mit einem Augenzwinkern.

Ein guter Schiedsrichter fällt nicht auf

"Wenn ich nur viermal im Spiel pfeifen müsste, wäre mir das am liebsten: Anpfiff, Halbzeit, Wiederanpfiff und Schlusspfiff", erzählt Klaus Stülpner. Ein guter Schiedsrichter zeichnet sich in seinen Augen vor allem dadurch aus, dass er nicht auffällt. In den Regeln heißt es: Der Schiedsrichter ist Luft. Diesen Grundsatz verfolgt er Woche für Woche auf dem Platz. Wenn es die Situation aber erfordert, werden auch andere Seiten aufgezogen. "Bei kniffligen oder hitzigen Spielen ziehe ich die Zügel auch mal an und suche das Gespräch mit den Akteuren." Fehlentscheidungen gehören genauso zum Fußball wie vergebene Chancen, Referees machen genauso Fehler wie Spieler. Doch dann gilt es, Rückgrat zu beweisen. "Man darf auch mal daneben liegen, aber dann muss ich so ehrlich sein und sagen können: Das war jetzt Mist, tut mir leid!"

Das erste Jahr als Schiedsrichter liegt bereits hinter Klaus Stülpner. Aktuell pfeift er in der A-Klasse, in der er selbst jahrelang gespielt hat. Die Ziele des 54-Jährigen sind bescheiden: "Fit halten, gesund bleiben und auf dem Fußballplatz stehen." Ein möglicher Aufstieg ist erstmal kein Thema. Vielmehr zählt für ihn, sein Hobby noch einige Jahre ausüben und genießen zu dürfen.

 

Folge 9 mit dem 33-jährigen Frank Reinel (l.) und dem 46-jährigen Rudi Dantinger

klicken zum Vergrößern
Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken!

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Frank Reinel und Rudi Dantinger. Beide sitzen im Rollstuhl - und sind dennoch Woche für Woche als Schiedsrichter im Einsatz.

Fußball ist ein laufintensives Spiel. Nicht nur die Spieler machen während der 90 Minuten ordentlich Meter. Auch die Schiedsrichter haben zum Abpfiff nicht selten 12 Kilometer oder mehr in den Beinen. Entfernungen, die für Frank Reinel und Rudi Dantinger undenkbar sind. Zumindest zu Fuß. Beide sitzen im Rollstuhl, haben sich davon aber nicht abhalten lassen, sich ihren Traum zu erfüllen: Beide haben die Schiedsrichterausbildung absolviert und sind an den Wochenenden auf den bayerischen Amateurplätzen als Unparteiische bei Jugendspielen und Herren-Partien der A-Klasse im Einsatz.

Behinderung kein Handicap

"Mir wurde sogar gesagt, dass ich mich auf dem Fußballfeld oftmals mehr bewege als manch andere Schiedsrichter, die nur am Mittelkreis stehen", erklärt Reinel, der an einer angeborenen Gelenkversteifung leidet. Bereits 2008 legte der heute 33-jährige Jurist die Schiedsrichterprüfung ab - Erfahrung mit der Leitung von Spielen sammelte er aber schon während seiner Schulzeit. "Ich war zwar vom Sportunterricht befreit, wollte aber nicht eine komplette Schulstunde nur herumsitzen. Ein Sportlehrer kam damals dann auf die Idee, mich als Schiedsrichter einzusetzen", erinnert sich Reinel. Das erste Highlight als Unparteiischer ließ nicht lange auf sich warten. Als das traditionelle Fußballspiel zwischen Abiturienten und Lehrern anstand, übernahm Reinel die Leitung des Spiels. Dass rund 1000 Schüler und Eltern um das Spielfeld herum standen, störte ihn kein bisschen. Im Gegenteil: Frank Reinel genießt es, im Mittelpunkt zu stehen und Entscheidungen treffen zu müssen. "Das macht schließlich den Reiz als Schiedsrichter aus", erklärt der Club-Fan.

BFV-Sonderpreis für Reinel

Aus dem Hobby wurde eine Berufung. Mit 27 Jahren besuchte er einen Schiedsrichterlehrgang, um seine Fähigkeiten als Unparteiischer nachweisen zu können. "Wenn jemand mich kritisiert, wollte ich mit dem Schiedsrichterausweis zumindest beweisen können, dass ich geprüfter Schiedsrichter bin", erzählt er. Einige Monate später leitete Reinel sein erstes D-Jugendspiel in Regensburg. Die skeptischen Blicke in der Anfangszeit blieben ihm nicht verborgen. "Aber nach dem Spiel kamen die Menschen häufig zu mir und sagten, dass sie vorher nicht gedacht hätten, dass ein Schiedsrichter im Rollstuhl so eine souveräne Leistung abliefern kann." Weil Reinel mit seinem Einsatz vielen Menschen in einer ähnlichen Situation Mut macht, zeichnete der Bayerische Fußball-Verband ihn bereits 2008 im Rahmen der BFV-Ehrenamtspreisverleihung in Regensburg mit dem BFV-Sonderpreis aus.

Liebe zum Fußball schlägt körperliche Beeinträchtigung

Und tatsächlich gibt es Menschen, die Reinels Vorbild gefolgt sind: Rudi Dantinger ist von Geburt an spastisch gelähmt und ebenfalls an den Rollstuhl gefesselt. Von einer Laufbahn als Trainer und jetzt Schiedsrichter hat ihn das nicht abgehalten. Die Krankheit konnte seinen Körper in die Schranken weisen, nicht jedoch seine Liebe zum Fußball. Die Auflistung seiner Stationen im Amateurfußball liest sich wie ein Auszug aus dem Münchner Vereinsverzeichnis: TSV 1860 München, FC Deisenhofen, SC Amicitia München, SV Pullach, SC Armin, BSC Sendling, TSV Forstenried, FC Wacker München. Dantinger ist viel herumgekommen, seit er 1994 seine erste Trainer-Fortbildung absolviert hat. Inzwischen wird Dantinger beim FC Wacker München als Jugendkoordinator und Manager geführt und hat mittlerweile mehrere BFV-Trainerlehrgänge absolviert. Doch die Liebe zum Fußball war damit längst nicht gestillt: Deshalb absolvierte der 46-jährige jetzt die Schiedsrichterausbildung und war im April beim E-Junioren-Spiel zwischen dem FC Wacker München 4 und dem SC München Süd 1 erstmals als Referee im Einsatz. "Fußball ist schon seit meiner Kindheit mein Leben", erklärt Dantinger, der bei seiner Premiere eine fehlerfreie Leistung ablieferte. Und wer ihn kennt, der weiß: Es war keine einmalige Sache. Er wird künftig regelmäßig über den Platz des FC Wacker München rollen und Spiele pfeifen.

BFV/Oliver Jensen

Folge 10 mit dem 59-jährigen Wilhelm Hirsch

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken!

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Wilhelm Hirsch (59 Jahre), Obmann der Schiedsrichter-Gruppe Weiden.

Herr Hirsch, wie muss man sich die Arbeit als Schiedsrichter-Obmann vorstellen? Was gehört konkret zu Ihren Aufgaben?

Wilhelm Hirsch:
(lacht) Das ist eine gute Frage, die mir schon oft gestellt wurde. Die Aufgabe des Obmanns reicht von der Einteilung der Schiedsrichter für das kommende Wochenende bis hin zur Berücksichtigung der unterschiedlichsten Belange der Referees. Glauben Sie mir, das ist bei Schiedsrichtern im Alter von 13 bis 85 Jahren nicht zu unterschätzen. Meistens ist es aber mit der Einteilung nicht getan, denn je näher das Wochenende rückt, umso mehr Umbesetzungen sind nötig - sei es durch Krankheit, Urlaub oder Familienfeiern. Insgesamt investiere ich bestimmt jeden Tag drei bis vier Stunden in meine ehrenamtliche Tätigkeit.

Die Vorbereitungen unter der Woche sind erledigt, das Wochenende steht nun vor der Tür. Wie sieht ein Spieltag im Kreis Weiden für Wilhelm Hirsch aus?

Hirsch:
Egal wo ich bin: Ich habe immer meine Einteilungsliste dabei und weiß so, wer zur Verfügung steht und wer nicht. Bleibt dann am Spieltag einmal ein Schiedsrichter beispielsweise im Stau stecken, kann ich schnell reagieren und einen Kollegen kontaktieren, der möglichst nahe am Spielort wohnt und die Partie übernehmen kann. Das A und O ist es, dass ausnahmslos alle Spiele mit neutralen Schiedsrichtern besetzt sind!

Sie sind jetzt seit neun Jahren Schiedsrichter-Obmann der Gruppe Weiden, waren davor zwölf Jahr als Stellvertreter aktiv. Wie fällt Ihr bisheriges Fazit aus? Wie hat sich das Schiedsrichterwesen seit Ihrer Anfangszeit verändert?

Hirsch:
Das Thema Weiterbildung ist meiner Meinung nach verstärkt in den Fokus gerückt. Besonders die Anforderungen an die jungen Nachwuchs-Schiedsrichter sind gewachsen. Das erfordert zum einen natürlich einen großen Zeitaufwand der Jugendlichen, bringt sie aber natürlich auch nach vorne.

Beim letzten Schiedsrichter-Neulingskurs im vergangenen Sommer haben Sie moniert, dass die Zahl der Teilnehmer immer weiter zurückgeht. Woran liegt das?


Hirsch:
Die jungen Schiedsrichter haben es heute nicht leicht auf dem Platz. Immer wieder kommt es vor, dass sie vom außen beschimpft werden - im Jugendspielbetrieb sogar häufiger, als im Herrenbereich. Mein Appell richtet sich deshalb vor allem an die Eltern, Trainer und Betreuer: Gebt den Nachwuchs-Referees eine Chance sich zu beweisen und übt keinen Druck vom Spielfeldrand auf sie aus!

Wird die Problematik nun auch in den Neulingskursen vermehrt thematisiert?

Hirsch:
Natürlich ist das auch in den Kursen immer wieder ein Thema und wir versuchen dem entgegenzuwirken. Den Neulingen stellen wir in ihren ersten Partien als Schiedsrichter immer einen Betreuer zur Seite, der sie begleitet und in kritischen Situationen helfend zur Seite steht. Dadurch nehmen die Beschimpfungen von außen spürbar ab - aus meiner Sicht ein Schritt in die richtige Richtung. Wichtig ist es aber auch, dass die Öffentlichkeit weiter für die Problematik sensibilisiert wird.

Sie pfeifen selbst noch aktiv in der Kreisliga. Was macht den Reiz der Schiedsrichterei für Sie aus? Wie würden Sie den potenziellen Nachwuchs vom Pfeifen überzeugen?


Hirsch:
Es ist die Freude am Sport, die Freude am Fußball! Ich pfeife jetzt seit 28 Jahren und möchte keine einzige Sekunde missen. Als Assistent in der früheren Regionalliga habe ich tolle Erfahrungen gesammelt und kann sagen: Je höher man kommt, desto mehr Spaß macht es und genau das geben wir den jungen Nachwuchs-Schiedsrichtern mit auf den Weg. Der Aufstieg als Schiri geht heute viel schneller als früher. In einem Jahr können die Jung-Referees bis zu zwei Klassen überspringen - das sollte Ansporn genug sein, den Weg als Schiedsrichter einzuschlagen.

Folge 11 mit dem 46-jährigen Gerhard Michels

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der neuen BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Gerhard Michels, Lehrwart der Schiedsrichter-Gruppe Passau.

Herr Michels, jeder Amateurfußballer behauptet von sich, die Fußballregeln zu kennen: Warum braucht man dann noch einen Neulingskurs?

Gerhard Michels: Der Neulingskurs schafft sozusagen die Grundvoraussetzung, dass man Fußballspiele als Schiedsrichter pfeifen darf. Alle haben danach denselben Wissensstand bezüglich des Regelwerks. Im Neulingskurs wird aber nicht nur das trockene Regelwerk erklärt, sondern auch der Umgang mit den Spielern auf dem Spielfeld und in Konfliktsituationen. Die eigentliche Praxis folgt dann direkt auf dem Spielfeld. Gerade deswegen ist es wichtig, die Neulinge nie alleine zu lassen und ihnen Unterstützung am Spielfeldrand zur Seite zu stellen.

Ist jeder als Schiedsrichter geeignet oder gibt es bestimme Voraussetzungen?

Michels: Ich sag' mal so: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Die Schiedsrichterei lernt man erst durch die Praxis. Es ist schwer zu verallgemeinern was für Eigenschaften oder Voraussetzungen man braucht, um ein guter Schiedsrichter zu werden. Manche treten schon beim ersten Spiel sehr souverän und selbstsicher auf, andere brauchen vielleicht ein bisschen länger. Das Pfeifen ist eine Schule fürs Leben: Man lernt eigene Entscheidungen zu treffen und diese auch durchzusetzen. Auch das Handling von komplizierten Situationen muss geübt werden und lässt sich nicht an Charakterzügen festmachen.

Aus Ihrer eigenen Erfahrung: Wie haben sich die Ansprüche an junge Schiedsrichter verändert?

Michels: Das Umfeld ist noch kritischer geworden. Früher wurde die Leistung eines Schiedsrichters höchstens mal in der Zeitung erwähnt, aber zwei Tage später war die Sache meist erledigt. Heute ist das ganz anders! Durch die neuen Medien kann jeder zu jeder Zeit eine strittige Spielszene erneut abrufen. Der junge Schiedsrichter ist dauerhaft auf dem Präsentierteller und jeder Pfiff wird von außen sofort bewertet. Auch der Umgang zwischen Schiedsrichter und Spielern ist schwieriger geworden. Von einem jungen Schiedsrichter wird nicht nur eine fehlerfreie Leistung auf dem Platz gefordert, sondern auch soziale Kompetenzen im Umgang mit den Trainern, Betreuern und Eltern. Die Entscheidungen eines jungen Schiris werden von Anfang an diskutiert und kritisiert - das war früher nicht so.

Seit einigen Jahren gibt es das sogenannte Patensystem für Neu-Schiedsrichter. Wie wichtig ist das?

Michels: Das Patensystem ist unverzichtbar! Es wirkt für alle anwesenden Parteien am Spielfeld deeskalierend. Der Schiedsrichter-Neuling kann sich so voll und ganz auf seine Leistung konzentrieren. Er weiß aber gleichzeitig auch, dass jemand da ist, der ihm helfen kann. Sowas gibt unglaublich viel Sicherheit in den ersten Spielen für den Neu-Schiedsrichter. Der Pate kann am Spielfeldrand direkt auf die Trainer und Eltern einwirken, damit der Neuling sich auf die Schiedsrichterei auf dem Feld konzentrieren kann. Nach dem Spiel können dann entscheidende Szenen durchgesprochen werden: Was hat der Neuling besonders gut gemacht? Wo hätte er vielleicht anders reagieren sollen? Ist er schon bereit ein Spiel ohne Unterstützung zu leiten?

Besonders in den unterklassigen Ligen ist der Druck auf die Schiedsrichter durch Zuschauer und Betreuer enorm. Werden die Schiris speziell vorbereitet, diese Begleiterscheinungen auszublenden?

Michels: Also speziell trainiert wird das nicht, aber natürlich werden sie darauf hingewiesen sowas auszublenden. Die jungen Schiedsrichter müssen lernen damit umzugehen und zu ihrer Entscheidung zu stehen, ganz egal wer sich von außen darüber beschwert. Genau wegen dieser Begleiterscheinungen ist das Patensystem so unglaublich wichtig für die Neulinge.

Können die Nachwuchs-Schiedsrichter von den Profis im Fernsehen etwas lernen?

Michels: Ich würde nicht sagen, dass man etwas lernen kann, aber sich vielleicht etwas abschauen. Ein Vergleich fällt schwer, denn das Tempo in der Bundesliga oder International ist ja viel höher als auf dem Sportplatz um die Ecke. Jeder Schiedsrichter muss seinen eigenen Stil finden, wie er pfeift. Das Einzige was man sich da abschauen kann, ist die Souveränität mit der Schiedsrichter auf dem Platz agieren und den Umgang in Konfliktsituationen.

 

Folge 12 mit dem 22-jährigen Alexander Schuster

klicken zum Vergrößern
Zum Lesen des ganzen Interviews bitte auf "weiter lesen" klicken!

Ohne sie läuft nichts auf den bayerischen Fußballplätzen: Über 13.000 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sorgen im Freistaat Woche für Woche dafür, dass die rund 14.000 Spiele von der Bundesliga über die Amateur-Spitzenligen bis hinein in den Juniorenbereich reibungslos über die Bühne gehen. In der BFV-Schiedsrichterserie "Neunmeterfünfzehn" legen unsere Referees mal eben ihre Pfeife zur Seite und berichten von ihrer großen Leidenschaft. Heute im Fokus: Alexander Schuster (22 Jahre), Schiedsrichter des SV Hohenau.

Alexander Schuster, mit nur 22 Jahren haben Sie es schon zum Schiedsrichter in der B-Junioren-Bundesliga und zum Assistenten in der Regionalliga geschafft. Wie kam es zu Ihrem rasanten Aufstieg?

Alexander Schuster:
Ich war schon von klein auf fußballbegeistert und bin wie die meisten Unparteiischen auch anfangs als aktiver Kicker dem Ball nachgejagt. In meinem Heimatverein bekam ich dann irgendwann nicht mehr die Einsatzzeiten, die ich mir gewünscht habe und habe quasi von heute auf morgen die Seite gewechselt. Ich habe in der Zeitung von einem Schiedsrichter-Neulingskurs gelesen und mich kurzfristig angemeldet. Für einen 13-Jährigen war es ein packendes und aufgrund der Aufwandsentschädigung auch lukratives Hobby, dem ich stets gewissenhaft nachgegangen bin.

Junge Schiedsrichter sind meistens auf die Unterstützung der Eltern angewiesen, um zum Spielort zu kommen. Wie sah das bei Ihnen aus?

Schuster:
Nicht anders. Mein Vater leitet eine Tankstelle am Ort. Wenn er mich zu den Spielen gefahren hat, haben mein Bruder oder meine Mum zuhause das Geschäft geschmissen. Rückblickend muss ich sagen: Die ganze Familie hat mich in sämtlichen Schritten meiner Schiedsrichterlaufbahn unterstützt.

Was macht den besonderen Reiz Ihres Hobbys aus?

Schuster:
Das Schiedsrichterwesen ist eine sehr gute Lebensschule: Man lernt, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, sich gegen Mehrheiten durchzusetzen. Das Selbstbewusstsein wird in meinen Augen gestärkt und man entwickelt eine gewisse Gelassenheit. Qualifikationen, die auch sehr hilfreich sind im Berufsleben.

Sie sind Bundeswehrsoldat.

Schuster:
Richtig. Stresssituationen, wenn zum Beispiel mal viel zu tun ist und es schnell gehen muss, machen mir gar nichts aus. Ich denke, dass das auch durch die Schiedsrichterei von klein auf begünstigt wird.

Wie haben Ihre Kameraden anfangs auf Ihr außergewöhnliches Hobby reagiert?

Schuster:
Am Anfang sagt man nur: "Ich bin Schiedsrichter" und wird dann oft belächelt, weil die anderen glauben, dass man nicht kicken kann. Sobald ich einen Schritt weiter gehe und erzähle, dass ich mit 22 Jahren Bayernliga und Junioren-Bundesliga pfeife, wird ihnen dann aber bewusst, dass sie es mit einem richtigen Fachmann zu tun haben. Dann knicken die meisten ein und wollen mehr darüber wissen.

Was ist die meistgestellte Frage?

Schuster:
"Wo pfeifst ´n am Wochenende?" oder "Wie viele Kilometer bist denn am Wochenende unterwegs?" Dann kann ich schon mal sagen: "1500 Kilometer sind kein Problem (lacht)."

An zwei Tagen???


Schuster:
Ja, von mir nach Kaiserslautern und zurück sind es schon mal 1100, und dann vielleicht noch ein weiteres Spiel.

Wie lässt sich das denn mit Ihrem Beruf vereinbaren?

Schuster:
Meine Kollegen unterstützen mich total, damit ich in diesem Umfang pfeifen kann. Wenn es auf Schiri-Lehrgänge oder Fortbildungen geht, übernehmen sie oftmals meine Arbeiten oder ich werde freigestellt vom Dienst. Da habe ich es relativ gut erwischt. Die Kameraden merken einfach, dass ich mit Leib und Seele dabei bin!

Das kann man auch Ihrem Facebook-Profil entnehmen. Dort sind Sie stets im Schiedsrichter-Trikot abgebildet (Hier geht es zu Alexander Schusters Facebook-Account).

Schuster:
Stimmt. Natürlich bin ich auch ein bisschen stolz auf mein Hobby und dazu bekenne ich mich ganz offen. Hier spielt aber auch eine andere Komponente mit hinein: Verantwortliche und Funktionäre des BFV und DFB warnen davor, dass wir Schiedsrichter gegoogelt werden. Man muss wirklich aufpassen, was man da postet, deshalb habe ich mein Profil ganz auf meinen Sport beschränkt. Von mir wird man daher keine Einträge finden mit Partys bis um vier Uhr morgens (lacht). Ich glaube, dass es auf Spielerseite eher positiv ankommt, wenn es auf meinem Social-Media-Auftritt sachlich zugeht.

Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesteckt?

Schuster:
Ein Ziel war einst, auf Verbandsebene zu pfeifen, was mir durch zahlreiche Einsätze in den Landes- und Bayernligen bereits gelungen ist. Daher musste ich mir einen neuen Anreiz setzen: Irgendwann das DFB-Wappen zu tragen, wäre nicht schlecht. Das heißt im Umkehrschluss, mindestens Regionalliga zu pfeifen und in der dritten Liga an der Linie zu stehen. Es wird jetzt natürlich nicht einfacher, weiter aufzusteigen, weil die Pyramide nach oben hin immer spitzer wird.

Folge 13 mit dem 77-jährigen Artur Alt

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken!

Fußball, das ist sein Leben. Auf wenige passt dieser Satz so gut wie auf Artur Alt. Was hat der 77-Jährige nicht schon alles erlebt: Triumphe, Debakel, Abstiege, Aufstiege, Entscheidungsspiele, schöne Tore, böse Fouls. Fast immer hat der Schiedsrichter alles im Griff gehabt, fast immer hat er es mit seiner ausgleichenden Art geschafft, erhitzte Gemüter zu beruhigen. Am Samstag, 27. August, wird er um 18 Uhr sein 8000. Spiel anpfeifen: Dabei stehen sich die AH-Teams des SV Gessertshausen und der SpVgg Westheim/Hainhofen gegenüber.

Artur Alt ist ein Mensch der Zahlen. Wie aus der Pistole geschossen sprudeln sie nur so aus ihm heraus. Zehn Jahre hat er in der Landesliga gepfiffen, 21 Jahre in der Bezirksliga, 55 Jahre im Männerbereich, 1280 Mal hat er am Training der Schiedsrichter teilgenommen. 35 Jahre war er als Schiedsrichter-Einteiler tätig, hat dabei die Ansetzungen für 120.000 Spiele vorgenommen. 30 Jahre stand er der Schiedsrichter-Vereinigung Augsburg als stellvertretender Obmann vor.

Ob er der Schiedsrichter ist, der in der deutschen Geschichte die meisten Fußballspiele geleitet hat? "Ich kenne keinen anderen, der mehr hat", meint Alt selbstbewusst. Sicher sagen kann er, wie viele er hat. Über jedes führt er Buch, 129 Seiten sind mittlerweile mit Schreibmaschine vollgeschrieben. Unzählige Seiten Papier, die stumme Zeugen eines bewegten Schiedsrichter-Lebens sind. Früher sei die Dokumentation einfacher gewesen, erzählt er. Da gab es Auftragskarten. Heute werden die Spiele allesamt nur noch digital per E-Mail eingeteilt.

"So habe ich eben in Sandalen gepfiffen"

Um zu verstehen, mit welcher Leidenschaft der gebürtige Augsburger seit 1960 sein Hobby an der Pfeife nachgeht, sei folgende Geschichte berichtet: Ein A-Klassen-Spiel (heute Kreisliga) in Ecknach bei Aichach leitete Artur Alt mit einem besonderen Schuhwerk. "Mir war zuvor eine Palette mit Baustoffen auf den Fuß gefallen. Der wurde so dick, dass ich in keinen Schuh mehr reingepasst habe. So habe ich eben in Sandalen gepfiffen", erzählt er mit einem Augenzwinkern. "Ich bin eben ein zäher Hund."

Ein andermal kehrte er mit seiner Frau Gerda vom Urlaub aus Brasilien zurück. Neben dem Kartenspielen (Schafkopf) reist er nämlich unheimlich gern. "Als ich um 10 Uhr zuhause angekommen bin, fand ich einen Brief eines Schiedsrichters vor, der mitteilte, an diesem Tag nicht pfeifen zu können." Dann hat Alt seine Sporttasche gepackt und ist nach Horgau gefahren, um dort um 13 Uhr ein Reservespiel zu leiten.

"Schuld" an dieser außergewöhnlichen Karriere ist ein ehemaliger FIFA-Schiedsrichter aus Augsburg: Karl Riegg. Artur Alt war nämlich, bevor er zum Industriekaufmann umschulte, gelernter Bäckermeister. Und Riegg hatte eine große Vorliebe für Süßspeisen und frisches Backwerk. In schöner Regelmäßigkeit war er Kunde in der Bäckerei und Konditorei der Familie Alt. Man lernte sich kennen. "Er hat mich angesprochen, dass es doch gescheiter für mich sei, Schiedsrichter zu machen statt Fußball zu spielen", erzählt Alt. Denn der junge Artur Alt, ehemaliger Mittelfeldspieler beim TSV Pfersee und in der Jugend des TSV Schwaben, hatte schon damals Probleme mit einem Meniskus und seinen Knien. So wurden aus Nachbarn Freunde und aus Freunden später Schiedsrichter-Kollegen.

Es gibt fast keinen Sportplatz den der 77-jährige nicht kennt

Im Dezember 1960, nach seiner Zeit bei der Bundeswehr, legte Artur Alt seine Schiedsrichterprüfung in der Augsburger Gaststätte Schachermeier ab. Am 26. August 1961 - also vor 55 Jahren - leitete er dann sein erstes offizielles Spiel: TSV 1847 Schwaben Augsburg gegen den BC Augsburg, C-Jugend. Besondere Vorkommnisse: keine. Schöne Erinnerungen: viele.

Als Alt seine Karriere begann, gab es noch keine Gelben und Roten Karten. Die kamen erst ab der WM in Mexiko 1970. Sein erstes Schiedsrichter-Trikot bestand aus einem schwarzen Pullover. Die Stollenschuhe waren Überbleibsel seiner unvollendeten Karriere als Spieler. "Wir hatten nicht viel." Auch keine Pfeife? Doch, das schon. "Wir konnten ja schlecht auf zwei Fingern pfeifen", sagt er.

Es folgten viele schöne Einsätze in und um Augsburg, in Schwaben und Bayern. "Es gibt fast keinen Sportplatz, den ich nicht kenne", so der 77-Jährige, der lange Jahre Mitglied beim SV Ottmaring (Kreis Aichach-Friedberg) war und inzwischen seit mehr als 25 Jahren beim TSV Steppach ist. Artur Alt genießt es, an der frischen Luft zu sein, herumzukommen und Leuten zu begegnen. "Ich habe das schönste Hobby, das es gibt", stellt er zufrieden fest. Für einen Vertreter einer Zunft, die gerne als Buhmänner und "Schieber" gebrandmarkt wird, sicherlich ungewöhnliche Worte. Für jeden Einsatz gibt es eine kleine Aufwandentschädigung. "Reich wird man nicht davon. Aber für mein Taschengeld hat es gereicht."

Viel sehen und wenig hören - so ging Artur Alt alle seine Spiele an. Die Rote Karte ließ er meist stecken, die Gelbe gab es nur dann, wenn es gar nicht mehr anders ging. Verwarnungen wegen Reklamationen - das kommt bei ihm selten vor.

Frau Gerda zeigte immer Verständnis für das Hobby des inzwischen stolzen Opas

Seine Frau Gerda sei ihm stets eine große Hilfe gewesen, betont er. "Sie hat für mein Hobby mehr Verständnis, als ich ihr eigentlich zumuten durfte. Und sie hat ohne Murren immer meine Schiedsrichterkleidung gewaschen", berichtet der verheiratete zweifache Familienvater und inzwischen stolze Opa. Fit hält er sich mit wöchentlichen Saunagängen und ausgiebigen Fahrradtouren. Oft reist er mit dem Rad zu seinen Spielen an. So behält Alt auch im Alter seine Kondition, wenngleich er einräumt: "Es gab schon immer Schiedsrichter, die mehr gelaufen sind als ich."

Anlässlich seines 7000. Spiels im März 2010 erhielt Alt die Karl-Riegg-Medaille. Es ist die höchste Auszeichnung, die seine Heimatgruppe Augsburg zu vergeben hat, benannt nach einem ihrer größten Referees. Sie erfüllt Artur Alt mit großem Stolz, weil sie für ihn, wie beschrieben, eine ganz besondere und persönliche Bedeutung hat.

Alts Ziel: "60 Jahre als aktiver Schiedsrichter"

Sein Tatendrang ist nach wie vor ungebrochen. 9000 Spiele wird er jedoch nicht erreichen. "Das ist utopisch. Da müsste ich bis 90 pfeifen." Ein Ziel hat er dennoch: Artur Alt möchte noch ein paar Jährchen als Unparteiischer unterwegs sein, bis er die magische Zahl von "60 Jahre aktiver Schiedsrichter" erreicht hat. "Dazu muss man natürlich gesund bleiben. Das wünsche ich mir."

Auch wenn die Spiele schneller und athletischer geworden sind, die Freude an seinem Schiedsrichter-Hobby ist ihm geblieben. Mit Stolz erzählt er, wie ihn die Jungs der E2 des TSV Diedorf vor neun Jahren überrascht haben, als er wieder einmal auf ihrem Sportplatz aufkreuzte. Sie überreichten ihm ein selbst gemaltes Bild mit Fußballern, auf dem links oben stand: "Es hat Spaß gemacht, nach ihrer Pfeife zu tanzen!" Einer der Höhepunkte seines reichen Schiedsrichter-Lebens.

Georg Schalk 

Folge 14 mit dem 51-jährigen Hamdi Al-Kadri

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

Ganz vorsichtig, nur mit den Fingerspitzen, hält er das gute Stück in die Kamera. Fast so, als ob die Tinte noch nicht trocken wäre und auch nur eine unbedachte Berührung dem Dokument einen bleibenden Schaden zufügen könnte. Dieser Schiedsrichterausweis ist für Hamdi Al-Kadri mehr als eine "Lizenz zum Pfeifen". Er steht für den Eintritt in eine neue Welt und belegt: Hier bist du willkommen, hier wirst du gebraucht.

Erst im August ist Al-Kadri in Deutschland angekommen. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt der Flüchtling aus Syrien seitdem im Kloster Seligenporten. Nur wenige Kilometer davon entfernt, in der MAR-Arena, trägt der Regionalligist SV Seligenporten seine Heimspiele aus und erinnert Al-Kadri regelmäßig an seine eigene sportliche Vergangenheit. Der 51-Jährige ist leidenschaftlicher Fußball-Schiedsrichter - und zwar nicht irgendeiner: Bis zum FIFA-Referee hat er es geschafft. Der Höhepunkt seiner Laufbahn: Die WM 2006 in Deutschland, bei der Al-Kadri als Vierter Offizieller zu drei Einsätzen kam. "Das beste Turnier, das ich je erlebt habe", meint der Syrer. "Von Anfang bis Ende lief alles sehr professionell ab. Deutschland war außerdem ein toller Gastgeber: Die Leute waren nett und freundlich, die Fans friedlich und super drauf!"

Zehn Jahre ist das schon her. In diesen zehn Jahren wurde das Leben der Al-Kadris komplett auf den Kopf gestellt. Der Krieg in Syrien vertrieb sie Ende 2012 aus ihrem Heimatland. Nachdem der Familienvater unter politische Verfolgung geraten war, floh die Familie nach Jordanien. Während Hamdi Al-Kadri mit den beiden jüngeren Kindern Isra (14) und Hala (acht) dort zurückblieb, schaffte es seine Ehefrau Suhair Othman mit Leen (18) und Ali (17) über die Türkei per Boot bis nach Griechenland. Von dort aus setzten die Drei ihre Flucht zu Fuß fort - bis sie 2015 in Deutschland ankamen. In diesem Sommer durfte Hamdi Al-Kadri mit Isra und Hala nachreisen - die Familie war endlich wiedervereint. "Hier sind wir in Sicherheit", sagt Al-Kadri, der noch auf seine Tochter Leen als Dolmetscherin zurückgreift. Die 18-Jährige besucht das Willibald-Gluck-Gymnasium in Neumarkt und gibt ihrem Vater täglich Sprachunterricht.

Ein ausgewiesener Fußball-Fachmann

Sicherheit war der eine Aspekt, aber damit mochte sich der Familienvater nicht begnügen. Er sehnte sich nach einer festen Aufgabe, nach dem Gefühl, gebraucht zu werden. Gudrun Baars vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sorgt sich seit der Ankunft in Seligenporten um das Wohl der Familie Al-Kadri. Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter schilderte ihr, was er alles erreicht hatte: Ein naturwissenschaftliches Studium, Anstellungen als Schiedsrichter-Ausbilder, Delegationsleiter der syrischen Olympia-Auswahl und Fußballmanager des jordanischen Erstligisten Al-Ahly. Und Gudrun Baars tat genau das Richtige: Sie wandte sich über ihren Nachbarn und ehemaligen Fußballtrainer Thomas Heilmann an einen Verein vor Ort, den SV Postbauer. Beim 2. Vorsitzenden Wolfgang Roider rannte sie offene Türen ein. "Für mich war klar: Aus dieser Chance machen wir was! Wir sind immer auf der Suche nach Unparteiischen. Und dann steht einer quasi vor der Haustür, noch dazu ein ehemaliger FIFA-Schiri", berichtet Roider begeistert. Er leitete die Klub-Mitgliedschaft ein und stellte den Kontakt zur Schiedsrichter-Gruppe Neumarkt her (Jetzt Schiedsrichter werden!).

Obmann Oliver Johannes kümmerte sich umgehend um die Schiedsrichter-Lizenz des BFV. Im Münchner "Haus des Fußballs" wurde der Antrag zügig bewilligt und der neue Ausweis ausgestellt. "Die Lizenz ist der erste Schritt, jetzt kommt es auf die Integration in die Gruppe und praktische Erfahrungen an", weiß Manfred Trestl von der Schiedsrichter-Abteilung.

Genau diese wollen ihm seine Neumarkter Kollegen schnellstmöglich verschaffen. Bei der jüngsten Sitzung stellte Johannes den besonderen "Neuzugang" vor. Mit großem Applaus nahmen die Schiedsrichter Al-Kadri als Mitglied auf und überreichten ihm den ersehnten Schiedsrichterausweis. In wenigen Wochen sollen jetzt die ersten Einsätze folgen. "Wir sind stolz darauf, einen solchen Experten in unserer Gruppe zu haben und helfen, wo wir nur können. Ich weiß, dass ich mich dabei auf meine Kameraden verlassen kann", sagt Johannes. Der Gruppen-Obmann stellt dem 51-Jährigen einen Paten an die Seite, der ihn zu Spielen und Lehrabenden fährt, gemeinsam mit ihm den Elektronischen Spielbericht (ESB) ausfüllt und sprachliche Barrieren abbaut. "Mir bedeutet es sehr viel, Schiedsrichter zu sein. Mir macht das Pfeifen genau so viel Spaß wie den Fußballern das Spielen. Toll, was die Schiedsrichter-Gruppe für mich macht", freut sich Al-Kadri und fiebert seinem ersten Einsatz in Bayern entgegen.

BFV-Ansprechpartner in Sachen Schiedsrichterwesen ist Manfred Trestl (Tel. 089-54 27 70-57, Mail: manfredtrestl@bfv.de)

Folge 15 mit dem 79-jährigen Edgar Burger

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

50 Jahre Schiedsrichter! In der Vita von Edgar Burger aus dem Landkreis Aschaffenburg stehen mehr als 2000 geleitete Spiele und noch immer ist nicht Schluss. Auch am Wochenende war der 79 Jahre alte Rentner wieder im Einsatz. Auf eigenen Wunsch wurde er von Schiedsrichterobmann Reinhold Greubel für das A-Klassen-Duell zwischen dem SV Elsava Rück-Schippach und dem TSV Pflaumheim II (2:1) eingeteilt.

Burgers Motivation ist immer noch hoch. Das hat sich auch nach der langen Zeit als Unparteiischer und nach all den Spielen nicht geändert. "Ich habe immer noch Vorfreude. Ich bin Schiedsrichter mit Herzblut, Schiedsrichter mit Leib und Seele. Und ein Fußballspiel ist ein Fußballspiel", sagt er im Gespräch mit FUSSBALL.DE . Bevor Burger am Saisonende seine Pfeife an den Nagel hängt, wollte er unbedingt noch einmal auf der Sportanlage des SV Elsava Rück-Schippach die Spielleitung übernehmen. "Ich kenne da noch einige ehemalige Spieler und finde, das ist ein sehr gut geführter Verein", sagt der Schiedsrichter in Diensten der Germania Großwelzheim. Aber, na klar: "Es gibt keine Bestechung. Ich pfeife neutral", betonte Burger.

Das entscheide oft auch über die Bewertung nach der Partie und die Nachsicht bei getroffenen Fehlentscheidungen. "Wenn die Leute merken: Der Schiedsrichter ist objektiv, dann wirst du akzeptiert." Generell ist es aber schon so, dass die Unparteiischen auf dem Feld heute ein dickeres Fell bräuchten. "Früher wurde auch mal gemeckert, aber heute ist das an der Tagesordnung", sagt der 79-Jährige. Deswegen sei es umso bedeutsamer, dass Schiedsrichter eine Persönlichkeit auf dem Platz darstellten. "Man muss mit den Spielern umgehen und mit ihnen kommunizieren können", sagt Burger.

"Meine Ehe hätte ich nicht aufs Spiel gesetzt"

Kommunikation zählt zu den Stärken des leidenschaftlichen Zeitungslesers, wie er 2012 beim Spiel zwischen dem TV Dreieichenhain und Italsud Offenbach demonstrierte. Da schaffte es der umsichtige Spielleiter, dass sich ein Schubser nicht zu einer Eskalation entwickelte. Burger sorgte stattdessen für Ruhe und hätte die Partie auch fortsetzen können. Das wiederum verhinderte nur das Veto der Gastmannschaft Italsud Offenbach. Mit "Finito, Feierabend" signalisierte der Italsud-Präsident die Spielaufgabe. Bis heute ist dies der einzige Spielabbruch unter Burgers Leitung.

Sportlich stieg er als Schiedsrichter bis in die Landesliga auf. "Für weitere Aufstiege hatte ich keine Zeit. Ich habe mich beruflich verändert", sagt der frühere kaufmännische Leiter und Prokurist. Etwas höher schaffte er es als Linienrichter. In der Bayernliga wirkte Burger als Assistent des Bundesliga-Schiedsrichters Burkard Hufgard.

Es ist eine Landesliga-Begegnung aus der Saison 1971/1972, die er als sein persönliches Highlight bezeichnet: Das Spitzenspiel zwischen dem TSV Karlburg und dem SC Kreuzwertheim vor 3500 Zuschauern genoss Burger: "Es waren viele Leute aus der Heimat da und unser Gespann hat eine klasse Leistung gebracht. Das freut einen schon."

Über die Kneipe an die Pfeife

Nun neigt sich seine Karriere so langsam dem Ende entgegen. Sein Plan sieht vor, nach der Saison 2016/2017 aufzuhören. Aber eine Hintertür lässt sich Burger offen: "Wenn ich gebraucht werde, springe ich ein. Und vielleicht kommt dann doch noch das eine oder andere Spiel hinzu." Vorwiegend möchte er sich ab der neuen Spielzeit aber darauf konzentrieren, junge Schiedsrichter zu fördern. Er kam durch Zufall zur Pfeife. In einer Gaststätte lernte er Bezirksschiedsrichterobmann Peter Aulbach kennen und wurde quasi bei "einem Schoppen Wein" zum Fußball-Schiedsrichter. "Er hat mich gefragt und mich dazu animiert", sagt Burger.

Zum Glück: Die Zeit als Schiedsrichter hat ihm viel gegeben. Umso dankbarer ist er über die Unterstützung seiner Frau und Kinder. Denn eines macht Burger deutlich: "Meine Ehe hätte ich nicht aufs Spiel gesetzt. Vorher hätte ich mit dem Pfeifen aufgehört." Doch: "Gott sei Dank habe ich die entsprechende Freizeit bekommen." Wahrlich ein Glücksfall: für ihn, die Fußballer und das Schiedsrichterwesen.

Autor: Nico Brunetti/FUSSBALL.DE

 

Folge 16 mit dem 22-jährigen Dominik Schweiger

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

Für Dominik Schweiger war das Jahr 2016 ein ganz besonderes. Er hat seine Passion gefunden - im Schiedsrichterwesen. Seitdem er denken kann, ist er fußballbegeistert. Dass ihm für eine große Fußballer-Laufbahn jedoch das Talent fehlt, war dem 22-Jährigen schon in jungen Jahren bewusst. Er entschied sich zunächst für Tennis und Basketball. Aber Pfeifen? "Das macht wegen des großen Feldes und dem interessanten Regelwerk am meisten Spaß beim Fußball", ist sich der junge Referee sicher, dem für seinen Traum von einer Schiedsrichter-Karriere keine Hürde zu groß ist.

Sport ist sein Leben

Von Geburt an lebt der Münchner mit einem Hörverlust von 90 dB und ist nahezu taub. Ein Schicksal, das er mit seinen Eltern und seinem großen Bruder teilt, von dem er sich aber nie unterkriegen lassen hat. "Jeder von uns, hat so viele Möglichkeiten", ist sein Lebensmotto. Und Dominik packt sie am Schopf. Mit sieben Jahren trat er in die Gehörlosen Bergfreunde München (GBF) ein. Seitdem spielt er im Verein Tennis und läuft seit vergangenem Herbst für die GBF als Fußball-Schiedsrichter auf. Neben seiner Leidenschaft für Autos, ist der Sport sein Leben. Beim GSV München spielt er wöchentlich Basketball. "Hier liegen meine Stärken. Fußball habe ich aber auch gespielt und zwar im Alter von zwölf bis 15,16 Jahren, erst beim MTV München, später bei der DJK Würmtal. Dann hat es mit meiner Mannschaft aber einfach nicht mehr gepasst. Noch dazu hatte ich häufig mit Fuß- bzw. Sprunggelenksverletzungen zu kämpfen. Sport ist eben Mord", erklärt Dominik lachend. 

Erstes Pflichtspiel im Oktober

Dem Fußball vollkommen fernzubleiben, kam für den FC Bayern-Fan aber nie in Frage. Im Mai legte der gebürtige Großhaderner seine Fußballschiedsrichter-Prüfung erfolgreich ab. Sein erstes Pflichtspiel leitete er am 9. Oktober in der U17-Juniorinnen-Bezirksliga. Es folgten sechs weitere Begegnungen und ein Futsal-Turnier - allesamt im D- bis B-Junioren-Bereich im Kreis München. Wenn der angestellte KFZ-Mechatroniker von seiner Schiedsrichter-Tätigkeit berichtet, kommt er richtig in Fahrt und aus dem Schwärmen kaum mehr heraus. Abgesehen von ein, zwei zu lautstarken Trainern hat der Münchner auf dem Feld bisher nur positive Erfahrungen gesammelt. Und auch über das Feedback, das er nach seinen Einsätzen bekam, kann er sich freuen. "Ich war überrascht, wie souverän Dominik das Spiel geleitet hat", erzählt Heinz Zellner, Vorstand des TSV Moosach-Hartmannshofen, bei dem der Oberbayer sein jüngstes Spiel vor der Winterpause leitete.

Verantwortung übernehmen und Selbstbewusstsein stärken

Dominik selbst freut sich bereits auf den Rückrundenstart und darauf, weitere wertvolle Erfahrungen zu sammeln. "Mich hat das Schiedsrichterwesen schon immer fasziniert. Verantwortung zu übernehmen, selbstbewusst Entscheidungen zu treffen und sich Respekt zu verschaffen - das habe ich schon immer an Schiedsrichtern bewundert ", erzählt der ehemalige Offensivspieler, der Pierluigi Collina sein Vorbild nennt. "Collinas Gestik und Mimik ist unheimlich ausdrucksstark. Auf dem Platz hat er immer sehr wenig gesprochen und vor allem mit seiner Körpersprache gearbeitet. Es sah oft so aus, als ob er die Kommentare von Spielern oder Trainern gar nicht hört." Eingeschränkt hören kann Dominik dank eines Hörgeräts, das er seit seinem zweiten Lebensjahr trägt. Einzelgespräche auf dem Platz sind so möglich, häufig liest der junge Referee aber auch von den Lippen oder den Gesten der Spieler ab. Durch viele Logopädie-Einheiten und Kommunikationstrainings konnte er über die Jahre zudem große Fortschritte im Sprechen machen. "Übung macht den Meister", hat Dominik schon früh erkannt.

Barrierefreiheit dank Spende der BFV-Sozialstiftung

"Vor dem Anpfiff sage ich den Spielern und Trainern, dass ich nicht alles hören kann und dass sie besonders diszipliniert sein müssen, weil ich die Batterie meines Hörgeräts während des Spiels nicht wechseln kann", erklärt der Schiedsrichter-Neuling mit einem Schmunzeln. Während die Verständigung auf dem Platz dem 22-Jährigen keine Probleme bereitet, stand er bei den Schiedsrichter-Lehrgängen im Sommer und Herbst vor größeren Herausforderungen. "Wenn viele Menschen in einem Raum sind, hilft auch das Hörgerät nicht mehr", konstatiert Dominik. Umso größer war seine Freude über die Spende der BFV-Sozialstiftung in Höhe von 2500 Euro, mit der ihn Münchens Kreisvorsitzender Bernhard Slawinski und Kreisschiedsrichterobmann Walther Michl beim Regeltraining am 11. November überraschten und so ein starkes Zeichen für die Barrierefreiheit im Schiedsrichterwesen setzten. Denn mit der finanziellen Unterstützung kann sich der Jungschiedsrichter eine Gebärdendolmetscherin leisten, die ihm bei den Fortbildungsveranstaltungen unter die Arme greift.

"Irgendwann einmal Bundesliga-Schiedsrichter sein"

Mit ihrer Hilfe will er seine großen Ziele erreichen. "Natürlich ist es mein Traum, irgendwann einmal Bundesliga-Schiedsrichter zu sein", blickt Dominik in die Zukunft. "Derzeit bin ich allerdings erst einmal auf der Suche nach einem neuen Verein. Bei den Gehörlosen Bergfreunden bin ich momentan der einzige aktive Schiedsrichter. Es ist mir einfach wichtig, dass ich mich mit anderen Unparteiischen austauschen und dadurch weiter lernen kann." Auch kann sich der junge Referee vorstellen, sein Wissen und seinen Fußball-Sachverstand selbst einmal an Schiedsrichter-Neulinge weiterzugeben - gerne auch an Trainer, welche die Entscheidungen der Unparteiischen am Spielfeldrand lautstark in Frage stellen: "Eigentlich sollte jeder Trainer eine Schiedsrichter-Ausbildung machen. Dann würden wir auch mehr Schiris haben", so Dominik grinsend. 

Folge 17 mit dem 14-jährigen Michael Kurz und dem 20-jährigen Cihan Arslan

klicken zum Vergrößern

Zum Lesen der ganzen Geschichte bitte auf "weiter lesen" klicken! 

Natürlich war Michael Kurz aufgeregt, keine Frage. Wie sollte es auch anders sein: Der erste Einsatz als Schiedsrichter ist eben etwas ganz Besonderes. Das gibt Michael, der kurz zuvor seinen Neulingskurs bei der Schiedsrichtergruppe Main-Spessart erfolgreich abgeschlossen hat und nun für den FSV Zellingen pfeift, offen zu. "Auf dem Weg zum Fußballplatz war ich schon sehr nervös", sagt er.

Dort angekommen wartet schon Cihan Arslan auf den damals 13-Jährigen. Cihan ist 19 und pfeift für den FC Wiesenfeld-Halsbach. Als Schiedsrichter hat er es trotz seines jungen Alters bereits bis in die Bezirksliga geschafft. Nun soll Cihan Michael bei seinem Schiedsrichter-Debüt begleiten. Und das nicht neben, sondern auf dem Platz.

Tandem-Schiedsrichter nennt sich das Projekt, das auf eine Initiative der Schiedsrichtergruppe Bad Tölz zurückgeht und mittlerweile in vielen Teilen Bayerns zum Einsatz kommt. Die Idee: Jeder Schiedsrichter-Neuling bekommt bei seinem ersten Einsatz einen erfahrenen Unparteiischen an die Seite gestellt, der ihn direkt auf dem Platz begleitet und während der Premieren-Partie mit wichtigen Tipps versorgt. So soll dem so oft zitierten "Praxisschock", der jungen Schiedsrichtern regelmäßig widerfährt, entgegengewirkt werden.

"Habe mich sehr sicher gefühlt"

"Der Schwund an jungen Schiedsrichtern, die nach wenigen Einsätzen entnervt aufgegeben haben war einfach zu groß. Wir wollen mit dem Tandem-Schiedsrichter-Projekt den Neulingen eine Hilfestellung geben, die es bisher in dieser Form nicht gab", erläutert Main-Spessart-Gruppenobmann Bernd Kuger.

Gemeinsam ziehen sich Michael und Cihan um. Sie kennen sich, schließlich ist Cihans Vater Mehmet als Gruppenlehrwart tätig. In der Kabine kommen die beiden daher schnell ins Gespräch. "Der erste Kontakt war unkompliziert. Ich habe erst einmal versucht, Michael die Aufregung zu nehmen", erinnert sich Cihan heute. Mit Erfolg, wie Michael erklärt: "Cihan war sehr selbstsicher vor dem Spiel. Ich habe gemerkt, dass ich mich mit ihm an meiner Seite wirklich sicher fühlen kann und wusste: Mir kann eigentlich gar nichts passieren."

Dann wird es ernst und es geht endlich auf den Platz. Ein Freundschaftsspiel: Die U13-Junioren der JFG Kreis Karlstadt messen sich mit der JFG Spessarttor. Cihan und Michael führen die Teams auf den Platz. Erster Einsatz: die Platzwahl. Natürlich weiß Michael, wie diese abzulaufen hat - das wurde im Schiedsrichterkurs schließlich ausführlich besprochen. Dennoch geht Cihan mit seinem Tandem-Partner noch einmal alles Schritt für Schritt durch. Und das aus gutem Grund, wie Michael erklärt: "Es war schon gut, dass Cihan mir die Platzwahl noch einmal gezeigt hat. Es hilft ungemein, wenn man etwas in der Praxis, direkt vor Ort erklärt bekommt."

Vermittlung von Basics

Cihan pfeift die Begegnung an. So ist das beim Tandem-Schiedsrichter-Projekt. Der erfahrene Referee leitet die erste Halbzeit und der Neuling folgt ihm als "Schattenmann" auf Schritt und Tritt. Die Paragraphenwälzerei ist das eine. Das im Neulingskurs angeeignete Wissen dann aber auch in der Praxis, auf dem grünen Rasen umzusetzen, etwas ganz anderes. Und genau darum geht es beim Tandem-Schiedsrichter-Projekt: Die Basics nicht in der Powerpoint-Präsentation sehen, sondern sie hautnah zu erleben - ohne Druck.

Cihan, der an der Universität Würzburg Wirtschaftswissenschaften studiert, zeigt seinem Begleiter, wie es geht: Wie stellt man eine Mauer richtig? Wie läuft eine Auswechslung genau ab und was muss der Schiedsrichter alles notieren? Was passiert bei einem Foul? Was bei einem Torerfolg? Und vor allem: Wie bewege und positioniere ich mich als Schiedsrichter richtig? "Laufwege sind schwierig und muss man sich über längere Zeit aneignen. Das ist eben etwas, was man dem jungen Schiedsrichter nur direkt auf dem Platz beibringen kann", erklärt Cihan. Und Michael sagt: "Das hätte ich alleine sicherlich nicht so hinbekommen. Cihan hat mir auch gezeigt, dass man ab und zu auch von einem vorgegebenen Laufweg abweichen muss."

Rollentausch in Halbzeit zwei

In der zweiten Halbzeit heißt es dann: Aufgabenwechsel. Michael übernimmt die Verantwortung, Cihan schlüpft in die Rolle des Begleiters. "Das war natürlich noch einmal ein anderes Gefühl, selbst mit der Pfeife auf dem Platz zu stehen. Die Anspannung war im Vergleich zur ersten Halbzeit schon ein bisschen größer", erinnert sich Michael: "Da war ich froh, dass ich Cihan an meiner Seite hatte. Er hat mir schon ein Gefühl der Sicherheit gegeben und hätte ja jederzeit eingreifen können, wenn ich etwas nicht gewusst oder übersehen hätte."

Musste Cihan aber nicht, das Freundschaftsspiel verläuft äußerst fair und geht ohne Probleme über die Bühne. Michael hat es geschafft und seinen ersten Einsatz als Schiedsrichter erfolgreich hinter sich gebracht. Dass das Tandem-Schiedsrichter-Projekt eine sinnvolle Sache ist, steht für ihn außer Frage. "Ich habe definitiv davon profitiert", bilanziert Michael. Und auch Cihan sagt: "Ich habe nach der Partie mal einen Vergleich zu meinem ersten Spiel als Schiedsrichter gezogen und dabei schon gemerkt, dass es ein großer Vorteil ist, bei seinem ersten Einsatz mit einem erfahrenen Schiedsrichter auf dem Platz zu stehen. Weil man eben direkt auf dem Platz Tipps bekommt und nicht erst im Nachgang über bestimmte Situationen redet, die man dann vielleicht gar nicht mehr so auf dem Schirm hat. So sind viele Dinge einfach viel leichter zu verstehen. Ich musste diese Dinge von Spiel zu Spiel ausbessern, was wirklich ein langer Entwicklungsprozess war." Dementsprechend kurz fällt auch die Nachbesprechung der Partie aus. Viel gibt es nicht zu diskutieren, schließlich wurden heikle Szenen direkt auf dem Platz besprochen.

Sicherheit dank Tandem-Projekt

Nur wenige Tage später steht Michael zum ersten Mal alleine auf dem Platz. "Natürlich war ich vor dem Spiel wieder sehr nervös", gesteht er, fügt aber an: "Dann bin ich aber eigentlich relativ locker in die Partie gegangen, denn ich habe mir gesagt: Eigentlich kann dir nichts passieren. Du hast schon eine Halbzeit alleine hinter dich gebracht, dann wirst du auch das Doppelte schaffen." Und so war es auch - dem Tandem-Schiedsrichter-Projekt und Cihan sei Dank.

Seit seinem ersten Einsatz ist fast ein Jahr vergangen und Michael ist immer noch fleißig als Schiedsrichter aktiv. Das soll auch so bleiben, wenngleich er weiterhin selbst mit Begeisterung die Fußballschuhe schnürt. Dem Schiedsrichterwesen und der Pfeife möchte er aber unbedingt treu bleiben. Michael sagt: "Schiedsrichter zu sein, macht mir sehr viel Spaß. Und wenn ich mehr Erfahrung gesammelt habe, dann könnte ich mir auch vorstellen, einmal einen jungen Schiedsrichter im Rahmen des Tandem-Schiedsrichter-Projekts bei seinem ersten Einsatz zu begleiten. Man hilft Neulingen damit auf jeden Fall weiter."

 
Spitzenvereine

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.

© 2018 BFV.de