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"Worauf ich als Trainer stehe? Ehrgeiz und Fleiß!"

Letzte Aktualisierung: 8. März 2018

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Alles andere als eintönig und unspezifisch: Dafür soll Marc Lambergers (hinten r.) Torwarttraining stehen.

Marc Lamberger ist seit Kindheitstagen passionierter Torwart. Für die Profi-Karriere hat es nicht gereicht - auch aufgrund mangelnder Förderung, sagt er. Dem Nachwuchs von heute soll es besser gehen. In der Talentschmiede des TSV 1860 München kümmert sich der 27-Jährige um die Torwarttalente im Bereich der U9- bis U15-Junioren. Lamberger gibt und verlangt auch viel.

Sie haben schon als kleiner Junge zwischen den Apfelbäumen im Garten Ihrer Großeltern die Bälle gehalten. War so früh klar, dass der Ball am Fuß nicht so will wie Sie?

Marc Lamberger: Durchaus! Ein großartiger Fußballer war ich als Kind tatsächlich nicht. Ich habe mich von Anfang an lieber ins Tor gestellt, bin jedem Schuss hinterhergehechtet und habe die Bälle gehalten. Sich in jeden Schuss reinzuschmeißen und überall den Körper hinzuhalten, ist genau mein Ding. Damals habe ich mir einfach die Arbeitshandschuhe meines Opas geschnappt und mir im Fernsehen Andi Köpke angeschaut.

Ihr großes Vorbild?

Ja, neben Oliver Kahn und Gianluigi Buffon definitiv. Heute beeindrucken mich aber die Spielweisen von Manuel Neuer, Ederson und David de Gea. Andi Köpke war damals deutscher Nationaltorhüter. Es hat mich immer begeistert, wie er im Torraum rumgeflogen ist. Das wollte ich auch. Dann habe ich mich halt zwischen Bäume und Zäune gestellt und jedem gesagt: "Schieß!"

Von Beginn an mit Erfolg?

Ja, schon! Mein E-Jugend-Trainer hat zum Glück auch schnell gemerkt, dass ich mich auf anderen Positionen nicht so wohlfühle und mich ins Tor gelassen. Da bin ich noch heute froh drum.

Aber dennoch wären Sie im Jugendtraining gerne härter rangenommen worden. Wäre bei einer besseren Förderung ein zweiter Köpke oder Kahn aus Ihnen geworden?


Nein, dafür hätte es nie gereicht. Definitiv aber, um höher als in der Landesliga zu spielen. Mein Torwarttraining war immer sehr eintönig und unspezifisch - Torschüsse, zentral, seitlich, flach, hoch über Hürden... aber in puncto Raumverteidigung, Eins gegen Eins oder Spieleröffnung ist wenig gemacht und spezifisch korrigiert worden. Ich musste mir vieles selbst aneignen, da ich nur in der E-Jugend und dann erst wieder ab der U19 zweimal pro Woche gutes Torwarttraining bekommen habe. Das ist für die Entwicklung eines Fußballers jedoch sehr spät.

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"Torwart bleibt für mich Torwart", sagt Marc Lamberger. Foto: TSV 1860 München

Und das im "Land der Torhüter". Eigentlich könnte man meinen, die Torwartausbildung in Deutschland sei exzellent.

Ich glaube, dass wir in Deutschland eine sehr gute Torwartausbildung haben. Viele Klubs, nicht nur Nachwuchsleistungszentren, leisten da einen klasse Job. In ländlichen Regionen kommt es aber zu kurz. Das zeigt sich beim Talentfördertraining des TSV 1860 München oder den BFV-Torwartcamps immer wieder. Dieses Zusatzangebot nimmt gerade der Nachwuchs aus kleineren Vereinen wahr.

Oliver Kahn ist besorgt, dass die deutschen Nachwuchstorhüter nur noch "gehobener Durchschnitt" sind. Betreuen Sie beim TSV 1860 München aktuell jemanden, dem Sie den Sprung nach ganz oben zutrauen?

Von den Jungs, die ich trainiere, können sicherlich einige den Durchbruch schaffen. Bei zwei, drei sehe ich großes Potenzial. Und genau dafür arbeiten wir ja tagtäglich. Um es in den Profibereich zu schaffen, gehört neben all der Arbeitsmoral aber auch ein bisschen Glück dazu.

Inwiefern?

Es gibt viele talentierte und gut ausgebildete Torhüter. Man braucht aber auch einen Trainer, der auf einen steht, der einen auch mal ins kalte Wasser wirft. Manuel Neuer, der bei Schalke in der Jugend teilweise auch nur die Nummer drei war, wurde mit 20 Jahren dann plötzlich der Vorzug vor Frank Rost gegeben. Es gehört auch ein gewisser Mut vom Trainer dazu. Er muss einem guten, jungen Torhüter dann irgendwann einfach das Vertrauen schenken.

Stichwort guter Torwart: Was muss ein Keeper heutzutage mitbringen? Modernes Torwartspiel, Torspieler statt Torhüter - all das liest und hört man ja immer wieder.

Von diesen Debatten halte ich wenig! Torwart bleibt für mich Torwart. Aber natürlich muss ein Torwart gut am Fuß sein - und zwar an beiden. Da müssen Pässe und im Leistungsbereich auch Flugbälle mit links und rechts funktionieren. Er muss explosiv auf der Linie sein und harte Schüsse abwehren können. Und dann sind da die beiden Königsdisziplinen Eins gegen Eins und Raumverteidigung. Ein Torwart muss wissen, wie er Querpässe im Strafraum und Flanken verteidigen oder wie hoch er stehen kann.

Ein sehr vielseitiges Stellenprofil.

Ja, die Torhüterposition ist wahnsinnig komplex. Ein eher langsamer Sechser kann die fehlende Geschwindigkeit mit seiner genialen Technik, Übersicht und klugen Pässen kompensieren. Bei einem Torwart, der zwar gut in der Torverteidigung ist, aber keine Flanke abfangen kann oder Holzfüße hat, funktioniert das nicht. Der Torwart muss das kompakteste Paket aller Spielertypen mitbringen.

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"Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Arbeitseifer" verlangt Marc Lamberger auch bei Eiseskälte.

Was bedeutet das für Ihr Training?

Ein abwechslungsreiches und altersgerechtes Programm ist Pflicht. Ich bin kein Fan von eintönigen Inhalten, Automatismen oder materialübersäten Übungen. Eine kompakte Torwartausbildung benötigt eben auch vielseitige, spielnaheTrainingsformen. Bei drei, vier Trainings pro Woche sollten alle Kompetenzen nahezu immer abgedeckt sein. In bestimmten Saisonphasen wird natürlich auch spezifischer trainiert. In der Winterpause setzen wir zum Beispiel vermehrt auf Athletiktraining, arbeiten im Kraftraum an Sprungkraft, Sprungtechnik, Core-Stabilität und Hand-Auge-Koordination.

Auch die Videoanalyse ist Teil Ihrer Einheiten und wird schon bei den Jüngsten eingesetzt. Eine Form von Systemtraining, die Mehmet Scholl ja erst kürzlich harsch kritisiert hat.


Ich glaube nicht, dass Mehmet Scholl die Videoanalyse im Juniorenbereich generell kritisieren würde. Man muss die Videoanalyse immer differenziert betrachten. Viele Trainer sitzen nicht nur vorm Laptop und setzen dieses Mittel gerade bei den Jüngeren sehr dosiert ein. In zehn, fünfzehn Minuten zeigen wird den Jungs ihr Verhalten im Spiel oder Training auf. Man bespricht die guten Entscheidungen und diskutiert die schlechteren. Wir arbeiten also gemeinsam an Erfahrungswerten, damit die Torhüter später auf dem Platz mannschaftsdienliche Entscheidungen treffen. Die Entwicklung des eigenen Stils steht aber weiter im Vordergrund. Die Videoanalyse ist ein wertvolles Hilfsmittel, aber auch nur ein winziger Teilaspekt im Training.

...der sich aber im Nachwuchsbereich etabliert hat, sprich von den Talenten gut angenommen und umgesetzt wird?

Von den einen ja, von den anderen nicht. Eine Videoanalyse bringt nichts, wenn du das Gesehene nicht direkt auf dem Platz umsetzt und weitere Erfahrungen sammelst. Es ist eine Hilfestellung, ein Trainingsbaustein - nicht mehr und nicht weniger.

Und das Torwarttraining generell?

Das wird sehr gut angenommen. Vor allem muss ein Torwart aber unheimlich viel Bereitschaft mitbringen. Er beginnt das Training vor allen anderen und macht danach häufig noch weiter. Ein Torwart tut oft mehr als die anderen, nimmt eine hohe Belastung auf sich und braucht ein gutes Fitnesslevel. Ein Spielertyp, auf den ich als Trainer stehe - voller Ehrgeiz und Fleiß. Da kann ich mich mit meinen Jungs glücklich schätzen. Sie sind sehr arbeitswillig und begeisterungsfähig, wollen am liebsten jeden Tag trainieren.

Und Sie, sind Sie streng?

Auf jeden Fall verlange ich viel. Mir ist es wichtig, diese Arbeitsmoral und Begeisterung weiter zu schüren. Das heißt: Ich stehe deutlich vor Trainingsbeginn auf dem Platz und bereite das Training dann auch in der Praxis vor. Denn das, was ich von den Jungs erwarte - Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Arbeitseifer - muss ich auch selbst vorleben.

Zum Abschluss: Warum Torwart werden?

Es soll jeder seinen eigenen Weg finden. Es muss einfach diese Besessenheit da sein, dieser unbedingte Wille, dieser außergewöhnliche Ehrgeiz.

Zur Person: Marc Lamberger (27) ist beim TSV 1860 München angestellt. Als Torwarttrainer und -koordinator am Nachwuchsleistungszentrum betreut er die U9- bis U15-Talente. Daneben trainiert er den bayerischen Torhüternachwuchs an der Löwen-Fußballschule. Für den Bayerischen Fußball-Verband gibt Lamberger Praxisschulungen, Torwarttraining D- bis A-Junior(inn)en, und ist als Trainer bei Auswahlmannschaften und Torwartcamps im Einsatz.

 
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